Selbstverteidigung für Frauen

Selbstverteidigung ,Übungssituation, Bild (c) EWTO Wien

Selbstverteidigung, Übungssituation, Bild (c) EWTO Wien

Keine Angst: Selbstverteidigung für Frauen

Ich bin nicht besonders mutig. Aber ich habe weniger Angst als viele andere Menschen. Vielleicht auch, weil mir noch nie etwas Schlimmes zugestoßen ist – etwas Schlimmes, bloß auf Grund der Tatsache, dass ich eine Frau bin. Und dafür bin ich sehr dankbar. Wir leben in Europa in einem Zeitalter des stetig steigenden Sicherheistbedürfnisses, das war auch schon vor den großen Migrationsströmen so. Ich persönlich fühle mich heute auf den Straßen Wiens bei Nacht nicht gefährdeter als vor zwanzig Jahren.

Ich habe mehr aus Neugier bei der EWTO Akademie, 1060 Wien einen Schnupperkurs zur Selbstverteidigung für Frauen besucht. Wing Tsun heißt das dann. Wie ich dazu kam ist eine ganz andere Geschichte … aber vielen Dank an Thomas Glavinic!
Ich habe einiges fürs Leben gelernt, das kann ich euch sagen! Menschen fürchten sich momentan viel mehr als ich dachte, Männer auch! Diese Angst kann das Klima einer Gesellschaft vergiften. Auch deswegen ist es hilfreich, wenn wir über unsere Ängste nachdenken und danach in die Handlungsebene kommen. Frauen, die einen Selbstverteidigungskurs buchen, tun dies. Männer, die Kampfsportarten erlernen und sich dadurch auch mit ihrer Identität als Mann auseinandersetzen, tun dies auch. Und das ist verdammt gut so.

Für mich persönlich hat der Selbstverteidigungskurs eine noch höhere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit im Alltag gebracht. Brenzlige Situationen kann ich jetzt eine Idee früher erkennen – und ihnen sicherer aus dem Weg wegen. Aber auch sehr viel mehr schöne Begebenheiten, Menschen, die einander hilfsbereit und mitfühlend begegnen, nehme ich jetzt wahr. Allein dafür kann ich den Kurs jeder und jedem nur empfehlen!

 

Trainingsraum in der EWTO Akademie, Bild (c) EWTO Akademie, Wing Tsun Schulen Wien

Trainingsraum in der EWTO Akademie, Bild (c) EWTO Akademie, Wing Tsun Schulen Wien

Rechtliche Aspekte: Was ist erlaubt zur Selbstverteidigung?

Zwei grundsätzliche Gedanken:
1. Frauen kommen in diesem Kontext nicht so leicht mit dem Gesetz in Konflikt wie Männer, weil man ihnen eher glaubt, dass sie angegriffen wurden als eben einem Mann.
2. Ein Angreifer kann auch eine Frau sein. Also wenn mich jemand bedroht oder angegiftet hat, war das bis jetzt immer eine Frau, ich sag’s nur.

Wikipedia sagt: „Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung und die Abwehr von Angriffen auf die seelische oder körperliche Unversehrtheit eines Menschen bezeichnet. Die Spannweite solcher Angriffe beginnt bei Nichtbeachtung, unbedachten Äußerungen, Einnehmen von Gemeinschaftsraum, setzt sich fort über Beleidigungen, Mobbing und Körperverletzung und reicht bis zu schwersten Gewaltverbrechen. Dabei ist jedoch immer die Ausübung von Macht das Ziel des Täters. Die weit überwiegende Anzahl solcher Angriffe wird nicht von Fremden, sondern von Bekannten (Mitschülern, Verwandten, Ehepartnern) verübt. Bei der Verteidigung gegen nicht-körperliche Angriffe spricht man heute auch von Selbstbehauptung (als Substantiv zu sich behaupten).“

Zwei interessante Aspekte dazu:
1. Wie sagte schon mein Stiefvater, ein Psychologe, immer so treffend: „Der Mörder kommt meistens aus der eigenen Familie.“
2. Es gibt eine begriffliche Abgrenzung zwischen Selbstverteidigung, Selbstbehauptung und Notwehr (§ 3 StGB ).

Das Ziel einer guten Strategie und Technik muss es grundsätzlich sein, einen Konflikt zu vermeiden. Wenn dieser unausweichlich ist, gilt es den Aggressor möglichst schnell auszuschalten ohne ihn nachhaltig zu verletzten. Und zu fliehen. Selbstverteidigung ist niemals ein Freibrief zur Ausübung von Gewalt.

 

Selbstverteidigung versus Notwehr

„Unter den juristischen Begriffen Notwehr und Nothilfe sind lediglich Maßnahmen zusammengefasst, die einen gegenwärtigen und rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abwenden, außerdem gilt als Notwehr auch der Schutz von Gegenständen und anderen Rechtsgütern. (…) Die Art und die Ausführung der Verteidigung muss so gewählt werden, dass der Angriff sicher und endgültig abgewendet werden kann. Bei mehreren Möglichkeiten soll die mildeste gewählt werden, der Verteidigende muss jedoch kein Risiko eingehen, wenn ein weniger schweres Mittel nicht mit Sicherheit zum Erfolg führt. Im Gegensatz zum populären Irrglauben sind die Auswirkungen der Notwehrhandlung auf den Angreifer irrelevant; weder ist ein Abwiegen von gesundheitlichen Schäden beim Angreifer erforderlich noch sind Verletzungen des Angreifers, die aus der Notwehrhandlung resultieren, strafbar. Die Flucht muss einem Verteidiger nicht zugemutet werden: ‚Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.'“ (Wikipedia)
Auch interessant.

Selbstverteidigung für Frauen, Trainingsraum in der EWTO Akademie, Wien, Bild (c) EWTO

Selbstverteidigung für Frauen, Trainingsraum in der EWTO Akademie, Wien, Bild (c) EWTO

Was ist die effektivste Selbstverteidigung für Frauen?

Die beste Methode ist immer noch die Vorsicht. Lerne deine Stadt kennen und bewege dich in gefährlichen Gegenden nachts nicht allein. Bist du irgendwo, wo du dich nicht auskennst, recherchiere und frage im Vorfeld. Der Rezeptionist im Hotel weiß sicher genau, welchen Stadtteil man nachts besser meidet zum Beispiel. Schau nicht auf dein Handy, wenn du allein unterwegs bist, sondern nimm deine Umwelt wahr. Nimm die Kopfhörer raus, denn dein Gehör liefert dir wertvolle Informationen über deine Umgebung. Musik hören kannst du dann, wenn du wieder sicher zuhause bist, auch noch. Lass dich bis vor die Haustüre bringen und deine Begleitung warten, bis du sicher im Haus bist. Das kann auch ein Taxifahrer sein! Teile deinen Freunden mit, wann du wo bist.

 

Pfefferspray zur Selbstverteidigung – eine Geschichte der Irrtümer

Rund zehn Prozent der Frauen und angeblich ein halb so hoher Prozentsatz an Männern besitzen einen Pfefferspray. Das Ding hat drei ganz entscheidende Nachteile.
1. Der Umgang mit dieser Waffe wird von deren BesitzerIn selten erlernt oder geübt.
2. Der Spray befindet sich im Fall der Fälle meistens in einer Handtasche oder sonstwo, aber selten einsatzbereit in der Hand.
3. Der Einsatz von Pfefferspray ist nicht grundsätzlich legal. Meistens wird er aber in Notwehrsituationen von Gerichten toleriert.

 

Was kann man zur Selbstverteidigung benutzen?

Alles! Ein Schirm, ein Kugelschreiber, ein Schlüssel, der Körper des Gegners, die Energie seines Angriffs. Dein aufmerksamer Geist und dein gut trainierter Körper sind dein bester Schutz. Das alles lernt man im einem Kurs. Die Polizei bietet häufig auch schon in Schulen Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen an.

 

Selbstverteidigung – Strategien aus dem Inneren

Haltung ist gefragt. Ein ganz wichtiger Baustein für den eigenen Schutz ist Selbstbewusstsein. Ich habe eine aufrechte Körperhaltung, eine laute Stimme und einen ziemlich militärischen Schritt. Das ist bei mir angeboren irgendwie. Aber wenn ich mehr von all dem bräuchte, würde ich mich auf die Couch legen. Das heißt, ich würde mir einem Coach, einen Psychotherapeuten, einen Kurs für mehr Selbstvertrauen suchen. Bei manchen Anbietern für Selbstverteidigung ist die Schulung der inneren und äußeren Haltung Teil der Ausbildung.

 

Selbstverteidigung von Frauen für Frauen

Mancherorts schulen ausschließlich Frauen Frauen. Finde ich sympathisch. Besonders für Menschen, die bereits Opfer von Gewalt geworden sind und ihre Einstellung zu Männern noch nicht ganz wieder auf der Reihe haben. Aus einer Übungssituation kann ich euch verraten, dass man vor einer Frau, die einen ernsthaft angreift, ganz schön Fracksausen haben kann. Meine Adrenalinausschüttung war beträchtlich, als sie mich von hinten packte! Und meine Abwehr auch. Sie flog zwei Meter weit, obwohl sie einen Kopf größer war und etwa zwanzig Kilogramm schwerer. Beliebt sind besonders Kickboxen und Taekwondo. Die Wahl der Methode finde ich allerdings nicht so entscheidend für den Erfolg wie die Haltung, die man durch ein Training in Selbstverteidigung erlangt.
Ein beliebter Anbieter in Wien ist zum Beispiel Ostermann Martial Arts for Women, 1030 Wien.

 

Selbstverteidigung für Frauen, Bild (c) EWTO Akademie

Selbstverteidigung für Frauen, Bild (c) EWTO Akademie

Wing Tsun für Frauen

„Wing Tsun ist die Kunst, im richtigen Moment zu entspannen und den Angreifer ins Leere laufen zu lassen – deshalb hervorragend für Schwächere geeignet. Diese Fähigkeit liegt dem Tastsinn zugrunde, über den der Gegner wahrgenommen wird. Im selben Augenblick werden Schwachstellen des Gegners attackiert. Wing Tsun – Training schult neben dem Tastsinn die Fähigkeiten Achtsamkeit, Balance, Beweglichkeit, Körpereinheit, Timing und Kampfgeist. Die sogenannten ‚Großen sieben Fähigkeiten‘ finden natürlich auch im Alltag Anwendung.“ Ich darf meinen Lehrer zitieren, den DaiSifu Matthias Gold, den Leiter der Wiener EWTO-Schulen. Er betreibt diese Kampfkunst seit über 27 Jahren und ist auch in der Lehrerausbildung der EWTO (Europäischen WingTsun Organisation, www.ewto.at) tätig.

 

Alle Argumente für diese Methode und meine Erfahrungen im Kurs waren höchst überzeugend. Gefallen hat mir auch der respektvolle Umgang der Schüler und Lehrer in der Akademie.
In diesem Sinne: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

 

Claudia Busser

claudia busser ist zusammen mit mag.andrea pickl herausgeberin des blogs www.kekinwien.at. beide suchen, testen und empfehlen das beste aus kunst, essen, kino in wien und anderswo. seit 2011 bieten sie ihren zahlreichen leserInnen täglich handverlesene tipps. völlig unabhängig und leidenschaftlich subjektiv.