Körperspende Wien: Warum Theo seine Leiche der Anatomie überlässt

Kleines Mädchen, das seinem Großvater dabei hilft, die Pflanzen zu wässern. Körperspende Wien

Körperspende Wien: Die Donaumetropole hat weltweit die größte Zahl an Körperspendern. Mias Opa Theo ist einer davon. Adobe Stock, (c) Yakobchuk Olena

Langsam rollt der blaue Ball den Kiesweg entlang und kommt nach einem Hüpfer direkt vor Theos Füßen zum Stehen. Der Schneemann, der jetzt mit dem Kopf nach unten hängt, kommt ihm irgendwie bekannt vor. Theo kramt in seinem Gedächtnis. „Olaf!“ sagt er schließlich und lächelt das kleine Mädchen an, das dem Ball hinterher gelaufen ist. Sie ist etwa im gleichen Alter wie Mia. Theo nimmt sich vor, seiner Enkeltochter beim nächsten Telefonat von dem Olaf-Ball zu erzählen.

Er steht auf und steckt das braune Kuvert, das er in der Hand gehalten hatte, in seine Jackentasche. Der Briefumschlag trägt das Logo des Anatomischen Zentrums der Universität Wien. Denn Theo hat vor einiger Zeit beschlossen, seine sterblichen Überreste der medizinischen Forschung zur Verfügung zu stellen.

Körperspende – was ist das?

Von Zeit zu Zeit blättert Theo gerne in alten Fotoalben. Er streicht dann mit dem Zeigefinger über die welligen Seiten und denkt an all die Abende, die seine liebe Resi mit Füller und Fotoecken am Esszimmertisch saß. Heute bleibt sein Blick an einem großen Foto hängen, das sein Sohn vor ein paar Jahren mit einem Brief aus der Schweiz geschickt hatte. In Resis kleinen, stark nach rechts kippenden Buchstaben steht daneben geschrieben: „Zweiter Weihnachtstag 2014.“ Es ist eines der letzten Fotos in dem Album, obwohl noch viele Seiten übrig sind. Aber nach Resis Beerdigung im Herbst vor drei Jahren hat Theo Fotoecken und Füllfederhalter nie wieder hervorgeholt.

Resi ist so gestorben, wie sie es sich immer gewünscht hat: im Schlaf, ohne Schmerzen. Nur leider viel zu früh. Damals hatten sie weder eine Sterbegeldversicherung abgeschlossen, noch ihre Wünsche für die Beisetzung in einer entsprechenden Verfügung festgehalten. Theo lächelt schmerzhaft. Man denkt immer, man hat noch so viel Zeit.

Der erste Besuch beim Bestatter hatte ihn schockiert: Fast 5.000 Euro sollte die Beisetzung kosten – und das für die einfachste Ausführung. Damals hatte Theo keine andere Wahl, als seine Kinder um finanzielle Hilfe zu bitten. Aber für seine Beerdigung sollen sie nicht auch noch zahlen: Theo hat beschlossen, seinen Körper der Anatomie zu überlassen.

Hände eines älteren Menschen, der eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von einer jungen Frau in den Händen hält. Körperspende Wien

An manchen Tagen blättert Theo auf der Suche nach der Zeit durch seine Fotoalben. Foto: Adobe Stock, (c) aytuncoylum

Körperspende – wie geht das?

Theo hat das Formular „Vermächtnis zur Körperspende“ mit einer Kopie seines Reisepasses bereits im letzten Jahr an die Medizinische Universität Wien geschickt. Heute morgen war der Körperspendeausweis in der Post. Theo zieht das Kuvert aus seiner Tasche und nimmt die kleine weiße Karte heraus. Seltsam, denkt er, und starrt auf die zwei Sätze, unter denen nur noch seine Unterschrift fehlt. Ihm wird ein bisschen schwindelig. Er steckt den Ausweis und das Kuvert zurück in die Tasche und beschließt, einen Spaziergang zu machen. In seinem Grätzl hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Die Menschen sind heute anders, denkt Theo, und blickt in die fremden Gesichter. 

Im Schlosspark angekommen, steuert er seine Lieblingsbank beim Neptunbrunnen an, auf der er seit fast 30 Jahren seine Gedanken zu ordnen pflegt. Hat er die falsche Entscheidung getroffen? Nein, es ist gut, wie es ist. Er sieht seine Familie schon jetzt viel zu selten. Katja wohnt zwar nur auf der anderen Donauseite, aber sie hat inzwischen ihre eigene kleine Familie. Und Lukas kommt mittlerweile auch nur noch zu Weihnachten nach Hause. Und Leonie … Theo lächelt. Gott weiß, wo Leonie einmal landen wird. Und wer sollte sich dann um sein Grab kümmern? Nein. Es war gut, so wie es war.

Bekommt man Geld für die Körperspende?

Seit Anfang des Jahres gehen jeweils zum Monatsersten 100 EUR von Theos Rente auf ein Sparkonto mit Namen „Körperspende“. Der junge Mann, der das Konto für Theo eingerichtet hat, war ziemlich verblüfft. „Ich wusste nicht, dass man dafür zahlen muss, seinen Körper zu spenden.“ Theo hatte das zuerst auch nicht gewusst. Aber der Kostenbeitrag von 990 Euro an die Medizinische Universität ließ sich leichter von der Rente absparen als die Kosten für eine normale Erd- oder Feuerbestattung.

Reihe von Sitzbänken vor dem Schloß Schönbrunn. Körperspende Wien

Theo lebt seit mehr als 30 Jahren in Hietzing und spaziert täglich durch den Schlosspark Schönbrunn. Foto: Adobe Stock, (c) Garlezki

Körperspende in Wien

Theo hat den Vertrag über die Körperspende ohne das Wissen seiner Kinder abgeschlossen. Aber irgendwann musste er es ihnen natürlich sagen, schließlich müssen sie nach seinem Tod das Körperspendesekretariat verständigen. Jetzt sitzen Leonie und Katja in Theos kleinem Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Standuhr in der Ecke tickt ein bisschen lauter als gewöhnlich und Leonie fährt mit dem Zeigefinger über die Falten im Tischtuch. „Aber dir geht es doch gut, oder?“, fragt Katja, und putzt sich sehr geräuschvoll die Nase. „Ich meine … du bist gesund, oder?“ „Ja, eben“, antwortet Theo und tätschelt seiner älteren Tochter die Hand. „Und deshalb möchte ich gerne jetzt regeln, was nach meinem Tod passiert. Für euch wird das alles schon schwer genug, ohne dass ihr eine Beerdigung organisieren müsst.“

„Eine Körperspende ist gar nicht so ungewöhnlich“, wirft Leonie ein. Sie ist das Nesthäkchen und betrachtet die Dinge stets pragmatisch. „Viele Leute überlassen ihren Körper der Anatomie. Mittlerweile kommt ganz Europa nach Wien, um an den Präparaten der Medizinischen Universität zu üben.“ Katja starrt sie entgeistert an. Jetzt räuspert Lukas sich. Katja hat ihn über Skype zugeschaltet und ihr Tablet auf Theos Wohnzimmertisch gestellt. „Bist du sicher, dass du das machen willst, Papa? Was passiert denn dann mit deinem Körper … später, meine ich?“ „Lukas will wissen, was mit deinen Überresten passiert, Papa.“ Lukas verdreht die Augen. „Danke, Leonie.“ Theo lächelt. „Es wird für alles gesorgt.“

Wie läuft die Körperüberlassung ab?

„Die Medizinische Universität sorgt für meine Überführung in die Anatomie und kommt für sämtliche Transportkosten auf. Später wird meine Leiche verbrannt und am Zentralfriedhof in einer Sammelurne anonym beigesetzt. Ich habe im Vertrag angegeben, dass ihr über die Beisetzung benachrichtigt werdet.“ „Anonym?“ fragt Lukas. Seine Stimme klingt brüchig, aber das liegt vielleicht an der Verbindung. „Wie sollen wir denn trauern, wenn wir nicht wissen, wo du begraben bist?“ sagt Katja leise. Theo drückt ihre Hand. „Alle Körperspender werden bei Tor 3, in der Ehrengrabstätte der Abteilung für Anatomie, Gruppe 26, beigesetzt. Und einmal im Jahr gibt es eine Gedenkfeier in der Karl Borromäus-Kirche.“

„Es gibt auch eine Gedenkstätte„, sagt Leonie und lächelt ihrer Schwester aufmunternd zu. „Ich habe erst neulich davon gelesen: Es ist ein achteckiges Areal mit hohen Mauern und im Inneren gibt es Sitzbänke und Halterungen für Blumen, Kerzen und Abschiedsbriefe.“ Katja schnieft. Sie sieht ihren Vater an. „Kannst du dein Einverständnis noch widerrufen?“ „Jederzeit“, antwortet Theo.

Körperspende: Wer ist wofür zuständig?

Aktion Wer macht das? (Zuständigkeit)
1. Erklärung zur Körperspende (Formular) Körperspender schickt das unterzeichnete Formular an die Medizinische Universität Wien
2. Unkostenbeitrag von 990 EUR Körperspender überweist den Unkostenbeitrag auf das Konto der Medizinischen Universität Wien
3. Körperspendeausweis Ausweis wird vom Anatomischen Institut per Post verschickt; Körperspender trägt ihn fortan bei sich
4. Ablebensmeldung Totenbeschauzentrale (Wien) bzw. Amtsarzt (Bundesländer) verständigt das Anatomische Institut
5. Überführung des Leichnams Anatomisches Institut beauftragt ein Bestattungsunternehmen mit der Überführung des Leichnams
6. Bestattung Nach einer Dauer von 1 Woche bis 3 Jahren wird der Körperspender am Anatomie-Friedhof  beigesetzt
7. Gedenkfeier Einmal im Jahr richtet das Anatomische Institut eine Gedenkfeier am Zentralfriedhof für die Angehörigen aller Körperspender aus

 

Vermächtnis zur Körperspende

Ein paar Wochen später sind Katja und Mia bei Theo zu Besuch. Sie kommen jetzt viel öfter als früher. Sogar Lukas ist vergangene Woche aus der Schweiz angereist, um ein paar Tage mit seinem Vater zu verbringen. Leonie hat eine Karte aus Norddeutschland geschickt, wo sie Anfang des Monats ein freiwilliges soziales Jahr im „Projekt Wattenmeer“ begonnen hat. Theo legt seiner Enkeltochter ein zweites Stück Torte auf den Teller und zwinkert ihr verschwörerisch zu. Katja schaut ihren Vater ernst an. „Ich habe mich über diese Gedenkstätte informiert, von der Leonie erzählt hat.“ Sie macht eine kleine Pause und liest mit der Fingerspitze einige Zuckerkörner vom Tisch auf. „Offenbar gibt es die Möglichkeit, dort Namensplaketten mit Geburts- und Sterbedatum anbringen zu lassen.“

„Davon habe ich auch gehört“, sagt Theo und nimmt einen Schluck Kaffee. In seiner Brieftasche steckt der unterschriebene Körperspendeausweis zwischen zwei Fotos seiner Kinder. „Also ich finde“, fährt Katja fort, „wenn wir schon auf ein richtiges Grab verzichten müssen, dann sollten wir wenigstens so eine Plakette kaufen.“ Ihr Vater lächelt. „Ich finde, das ist eine sehr gute Idee.“

Am Nachmittag geht er mit seiner Enkelin im Schlosspark spazieren. Mia hat eine kleine Tüte mit Haselnüssen in der Manteltasche und zieht ihren Opa aufgeregt hinter sich her. „Komm schon Opa, wir wollen doch die Eichkätzchen füttern!“

Institut für Anatomie der Medizinischen Universität Wien: Kontakt

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