Legasthenie erkennen: Wenn Rechtschreibung stresst - HEROLD.at

Legasthenie erkennen: Wenn Rechtschreibung stresst

Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Schwäche

Legastheniker haben es schwer. Legasthenie ist eine Rechtschreibstörung, die nahezu alle Bereiche des Lebens beeinträchtigt. Foto: Adobe Stock, (c) lassedesignen

In der Schule lernen Kinder zwei Arten von Zeichen kennen: Buchstaben und Zahlen. Doch nicht alle kommen damit problemlos zurecht. Einige kämpfen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS, Legasthenie), andere mit einer Rechenschwäche (Dyskalkulie, Zahlenblindheit, Arithmasthenie). Fachgerechtes Training kann dabei helfen, die Ursachen für die Rechtschreibstörung herauszufinden und das Kind in die Lage versetzen, trotz Legasthenie eine erfolgreiche Schullaufbahn zu absolvieren.

Legasthenie – was ist das?

Bei Legasthenie handelt es sich um eine sogenannte Teilleistungsstörung. Während Legastheniker Schwierigkeiten haben, richtig zu lesen und zu schreiben, fehlt es Zahlenblinden am Verständnis für Ziffern und Mengen. Unbekannt bleibt bis dato, wodurch diese Störungen genau zustande kommen. Diskutiert wird eine multifaktorielle Genese, das heißt mehrere Einflüsse sollen bei ihrer Entstehung zusammenspielen.

Ursachen: Warum hat man Legasthenie?

Einige Forscher ziehen als Ursache der Legasthenie eine gestörte Verarbeitung sprachlicher und visueller Informationen im Gehirn in Betracht, die auf einer Schädigung der linken Hirnhälfte (Sitz der Zentren für Sprachverständnis und -bildung) vor oder während der Geburt beruhen könnte. Andere Fachleute machen für  die Lese-Rechtschreib-Schwäche eine erbliche Veranlagung (zum Beispiel das DCDC2-Gen) verantwortlich, da sie familiär gehäuft auftritt.

Wieder andere wissenschaftliche Erklärungsmodelle sprechen von neurologischen Funktionsstörungen (zum Beispiel unterentwickelte Hemisphärendominanz), Gedächtnisdefiziten, Problemen bei der Verarbeitung von Wahrnehmungen wie Phonemen (Sprachlauten) oder auch bestimmten Leselern- und Rechtschreibmethoden.

Übrigens: Seelische oder soziale Umstände gelten, entgegen früherer Vermutungen, heute NICHT mehr als auslösende Ursachen einer Legasthenie. Sie stehen allerdings im Verdacht, eine vorhandene Rechtschreibstörung weiter zu verstärken.

Legasthenie: Was passiert im Gehirn?

Schwierigkeiten beim Lesen (Dyslexie) oder Probleme beim Rechtschreiben beweisen noch nicht zwingend das Vorliegen einer Legasthenie. Auch Krankheiten (zum Beispiel durch eine Hirnschädigung bedingte Dysgraphie = mangelnde Schreibfähigkeit), ein Intelligenzdefizit oder fehlende adäquate Förderung können die Lese- und Schreibfähigkeiten beeinträchtigen. Bei einer echten Legasthenie handelt es sich aber um eine bestimmte gestörte Entwicklung dieser Fertigkeiten. Entsprechend plagen sich Legastheniker, Gehörtes richtig zu schreiben und Geschriebenes richtig zu lesen.

Die Dyslexie, die sich mit fortschreitendem Alter übrigens oft bessert, zeigt sich typischerweise in Startschwierigkeiten beim Vorlesen, zögerlichem und langsamem Lesen mit gelegentlichem Verlust der Zeile im Text und ungenauer Betonung des Gelesenen. Es werden sowohl Wörter im Satz als auch einzelne Buchstaben in Wörtern vertauscht. Darüber hinaus fehlt es oft an der Fähigkeit, Gelesenes wiederzugeben und Zusammenhänge darin zu erkennen.

Legasthenie erkennen: Definition

Rund zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung kämpfen mit dieser Problematik. Das Verhältnis von männlich zu weiblich beträgt zwei zu eins. Legasthenie tritt in der Regel bis spätestens zum fünften Schuljahr in Erscheinung. Der Verdacht auf Legasthenie ist allerdings nur dann begründet, wenn die Anzeichen unter zwei bestimmten Voraussetzungen auftreten:

  1. Es erfolgt ein kontinuierlicher, normaler Unterricht.
  2. Es liegt keine Behinderung (zum Beispiel unzureichend behandelte Seh- oder Hörschwäche) oder Krankheit des Betroffenen vor, die seine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht (zum Beispiel aufgrund langer Fehlzeiten) erschwert.
Legasthenie, Lese Rechtschreib Schwäche

Wenn die Fehler sich häufen: Legasthenie ist für viele Kinder (und Erwachsene) eine enorme seelische Belastung. Foto: Adobe Stock, (c) detailblick-foto

Stiefschwester Dyskalkulie

Weniger bekannt als die LRS ist die Dyskalkulie (= Rechenschwäche). Sie kommt zwar hauptsächlich in den naturwissenschaftlichen Fächern zum Vorschein, ruft bei betroffenen Kindern aber die gleichen Misserfolgserlebnisse und Ängste hervor wie die Legasthenie. Anders als der Begriff  Zahlenblindheit vermuten lässt, beeinträchtigt diese Teilleistungsstörung neben dem Zahlen- und Mengenverständnis auch das räumliche (Größen, Formen, Distanzen) und zeitliche Vorstellungsvermögen. Bei Rechenoperationen zeigen Kinder mit Arithmasthenie folgende Symptome:

  • Sie haben Schwierigkeiten beim Zählen und/oder Rückwärtszählen bzw. brauchen sie hierzu unbedingt die Finger. Dementsprechend schwer tun sie sich beim Überschreiten des Zehner- und/oder Hunderterschrittes.
  • Die Bewältigung von Grundrechnungsarten und Einmaleins erfolgt trotz intensiven Übens nur mit enormem Zeitaufwand, bis hin zur Erschöpfung.
  • Sie erkennen nicht immer Rechensymbole (Plus-, Minus-, Divisions- und Malzeichen).
  • Sie lassen Ziffern aus, drehen sie um (z.B. 56 statt 65), geben sie beim Abschreiben falsch wieder, schreiben bzw. lesen sie seitenverkehrt (z.B. 6/9) oder verwechseln ähnlich klingende (z.B. 18 statt 80) bzw. ähnlich aussehende (z.B. 6/5) Zahlen.
  • Ein- und dieselben Rechenoperation führen zu widersprüchlichen Ergebnissen, ohne dass die Kinder das bemerken oder beeinspruchen. Auch falsche Reihungen in einer Rechnung entziehen sich ihrem Verständnis (z.B. 14 + 30 = 16). Stattdessen entwickeln sie eine subjektive Logik mit eigenen, aber leider fehlerhaften Vorstellungen.
  • Besondere Probleme mit Zahlenreihen, Textaufgaben bzw. Rechenaufgaben mit zusätzlichen Texten sowie Kopfrechnen, da sie Zwischenergebnisse nicht speichern können.

Ich mache Fehler, aber ich bin NICHT dumm!

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche ist KEIN Zeichen mangelnden Willens, fehlender Anstrengung oder gar verminderter Intelligenz. Legastheniker unterscheiden sich nur in einem von anderen Menschen: Sie haben, in mehr oder minder ausgeprägter Form, Schwierigkeiten, richtig zu lesen und zu schreiben. Genau das macht ihnen aber das Leben schwer, denn unser Bildungssystem beruht hauptsächlich auf diesen Fähigkeiten. Die Folgen sind absehbar: schlechte Noten in Fächern, bei denen es auf Texte ankommt (zum Beispiel Sprachen), Hänseleien von Mitschülern bis hin zur Schulangst oder gar Schulverweigerung.

Im schlimmsten Fall leiden auch die Ausbildungs- oder Karrierechancen. Hinzu kommen seelische Auswirkungen wie zum Beispiel die Entwicklung emotionaler Störungen. Auf jeden Fall kann eine unzureichende Förderung in Familie und Schule die LRS verstärken.

Symptome: Legasthenie feststellen

Haben Eltern den Verdacht, ihr Kind könnte legasthenisch sein, können sie zunächst orientierende Testfragen zur Lese-Rechtschreib-Schwäche durchgehen. Zuallererst aber müssen andere, medizinische und psychologische, Ursachen für die Fehlleistungen ausgeschlossen werden (zum Beispiel ein beeinträchtigtes Seh- oder Hörvermögen, Krankheiten, die sich aufs Lese-, Schreib- oder Rechenvermögen auswirken, Entwicklungsstörungen, eine Intelligenzminderung oder ein Aufmerksamkeitsdefizit). Wird nichts dergleichen gefunden, können standardisierte und normierte Tests Aufschluss darüber geben, ob tatsächlich eine Legasthenie vorliegt.

Wer testet Legasthenie bei Kindern?

Um die Möglichkeit einer Fehldiagnose auszuschließen, sollte die Legasthenie von speziell dafür ausgebildeten Psychologen festgestellt werden. Häufig fallen betroffene Kinder bereits im Zuge der sogenannten Screening-Tests zu Beginn der zweiten Klasse auf. Für eine gesicherter Diagnose sind jedoch detailliertere Tests erforderlich, die unter anderem einen allgemeinen Intelligenztest, Konzentrationsübungen, Zeichentests und Lese- sowie Schreibproben umfassen. Durchgeführt werden entsprechende Tests zum Beispiel vom Kinderpsychologischen Zentrum in Mödling.

Legastheniker therapieren

Die Behandlung einer Legasthenie beinhaltet eine Aufklärung sowie Instruktion (zum Beispiel Stärken betonen, auch kleine Erfolge loben etc.) der Eltern und Lehrer des betroffenen Kindes, spezielle Übungen und Förderkurse, zum Beispiel bei entsprechend ausgebildeten TrainerInnen, ggf. auch die Therapie begleitender psychischer Probleme.

Hier findest du Legasthenietrainer in deinem Bundesland:

Weiterführende Links:

Erster Österreichischer Dachverband

LRS – Zentrum für Lernförderung – Kurztest

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