Das Notfallset für Insektengiftallergiker kann Leben retten

Bienen und Wespen – “Normalsterbliche“ fürchten ihre schmerzhaften Stiche, Insektengiftallergiker gleichzeitig um ihr Leben, denn sie reagieren darauf mit Symptomen wie Atemnot oder Kollaps.

Sommerzeit ist Insektenzeit. Neben den im Wesentlichen harmlosen Fliegen, Gelsen und Bremsen haben nun auch Bienen und Wespen sowie deren Verwandte Hummeln und Hornissen Hochsaison. Deren schmerzhafte Stiche scheuen die meisten Menschen. Insektengiftallergiker haben dazu doppelt Grund. Für sie bedeutet ein Bienen- oder Wespenstich eine lebensbedrohliche Situation.

Den Schmerz, den Juckreiz, die Rötung und die Schwellung an der Einstichstelle verursachen im Insektengift enthaltene biogene Amine wie Histamin, Dopamin u.a. Enzyme (z.B. Phospholipasen A und B) sowie die Hyaluronidase. Sie schädigen die Zellen und erhöhen die Durchlässigkeit der Gefäßwände, was zu einer Beschleunigung der Ausbreitung des Gifts führt. Die Hyaluronidase und die Phospholipasen wirken als hauptsächliche Allergieauslöser, im Bienengift (Apitoxin) zusätzlich ein Eiweißstoff namens Mellitin.

Wespe oder Biene?

Für Allergiker, die nur auf Bienen- oder Wespengift reagieren und nicht auf beides, ist natürlich von großem Interesse, noch vor einem ev. Stich zu erkennen, um welches Insekt es sich tatsächlich handelt, kommt eines der gestreiften Tierchen in ihre Nähe. Hierzu einige Orientierungshilfen: Der meist  in den Warnfarben gelb und schwarz (manche Wespenarten: schwarz oder rotbraun; Biene: braun und schwarz) gehaltene Körper einer Wespe erscheint schlanker, wenig behaart und hat – wie der Name schon sagt – eine Wespentaille. Im Gegensatz zu dem saugenden Mundwerkzeug einer Biene verfügt eine Wespe über ein Beißwerkzeug, mit dem sie hauptsächlich Insekten verzehrt. Manche Wespen-Arten mögen auch Fleisch und Süßes, Bienen hingegen nur Blütenpollen und Nektar.

Kommt es zu einem Stich, ist die Sache klar: Bei einem Bienenstich verbleibt der Stachel inklusive der Giftblase in der Stichstelle. Ein Verlust, den die Biene nicht überlebt. Ein Wespenstich hingegen hinterlässt keinen Stachel.

Bin ich allergisch gegen Bienen- oder Wespengift?

Mehrere Stiche gleichzeitig können auch beim Nichtallergiker infolge der Giftwirkung zu stärkeren Lokal- und auch Allgemeinreaktionen (z.B. Blutdruckabfall) führen. Echte Insektengiftallergiker zeigen aber typischerweise bereits innerhalb von Minuten nach dem Stich Symptome wie:

  • Juckreiz an Handinnenflächen, Fußsohlen oder behaarten Körperstellen bzw. starker Juckreiz und Rötung am ganzen Körper
  • Nesselausschlag auf der Haut
  • Schwellungen im Gesicht und am Hals
  • Schnupfen, verlegte Nase
  • juckende, gerötete, tränende Augen
  • Schwindel, Schweißausbruch, Herzrasen und Todesangst
  • Übelkeit, ev. auch Erbrechen
  • Schluck- und Sprechbeschwerden, Husten, Atemnot
  • Schwächegefühl bis hin zum anaphylaktischen Schock mit Kollaps und Bewusstlosigkeit

Es müssen nicht bei jedem alle der genannten Symptome auftreten. Der Verdacht auf eine allergische Reaktion sollte aber bereits dann aufkeimen, wenn die Lokalreaktion auffallend schnell eintritt und sich auf mehr als Handtellergröße ausweitet bzw. sich auch nur eine der oben genannten Allgemeinreaktionen einstellt. Der nächste unbedingt erforderliche Schritt heißt dann Erste Hilfe leisten.
Anschließend sollte ehebaldigst – z.B. in einem Allergieambulatorium – ein Allergietest folgen, um festzustellen, ob und welche Insektengiftallergie (Biene und/oder Wespe) vorliegt und bei Bedarf ein Notfallset zu verschreiben sowie eine Spezifische Immuntherapie einzuleiten.

Was tun nach Bienen- oder Wespenstich?

Auch bei Nichtallergikern bedürfen Insektenstiche einer fachgerechten Versorgung:

  • Bei Bienenstichen den Stachel mitsamt Giftsack vorsichtig (z.B. mit einer Pinzette) entfernen, möglichst ohne letzteren dabei auszudrücken
  • Die Stichstelle zwecks Abschwellung kühlen, z.B. mit Eiswürfeln, kalten Kompressen o.ä.
  • Gegen den  Juckreiz helfen in Apotheken frei verkäufliche Salben oder Gele, die ein Antihistaminikum enthalten.
  • Starke Reaktionen erfordern vom Arzt verschreibbare Salben, Cremes oder Lotionen mit einem Corticoid, infizierte Stichstellen antibiotikahaltige Salben oder Puder.
  • Stiche im Mund oder Hals müssen sofort gekühlt  (z.B. Eiswürfel lutschen) und notärztlich (Tel.: 144) versorgt werden (Erstickungsgefahr!).

Spezialset für Allergiker

Für Insektengiftallergiker reichen Allgemeinmaßnahmen nicht aus. Sie benötigen eine Notfallausrüstung, die sie stets mit sich führen und mit deren Handhabung (Schulung und Training beim Arzt) sie vertraut sein müssen. Diese besteht in der Regel aus einem leicht einnehmbaren Kortisonpräparat und einem rasch wirkenden Antihistaminikum, üblicherweise in Tablettenform. Beide Medikamente wirken entzündungshemmend und abschwellend, genügen jedoch nicht, um bei einer schweren allergischen Reaktion (Anaphylaxie) den Kreislauf zu stabilisieren, weshalb als dritte Arznei das Hormon Adrenalin Bestandteil des gängigen Notfallsets für Insektengiftallergiker ist. Dieser einfach und sicher zu applizierende Autoinjektor muss – und zwar schon bei den ersten Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion – vom Betroffenen selbst oder einer anderen Person in den Muskel gespritzt werden. Deshalb ist es wichtig, dass Insektengiftallergiker ihre Umgebung über ihre Allergie und notwendige Gegenmaßnahmen bei einem Bienen- oder Wespenstich informieren.

Gefahrenquellen aus dem Weg gehen

Bevorzugte Aufenthaltsorte von Bienen und Wespen sind blühende Wiesen, Erdlöcher, im Freien liegende Nahrungsmittel und Fallobst. Die Tiere mögen Düfte wie z.B. von Parfüms bzw. parfümierten Kosmetika und Körperschweiß, außerdem bunte Kleidung. Vieles davon lässt sich vermeiden oder umgehen. Beispielsweise draußen nicht aus offenen Getränkebehältern (z.B. Dosen) trinken, in denen sich Bienen oder Wespen verstecken können, nicht barfuß laufen und beim Anblick der Tiere keine heftigen Bewegungen ausführen. Gegen die “gestreifte Gefahr“ im eigenen Heim schützen weitgehend Fliegengitter vor Fenstern und Türen.

Sicherste Therapie: SIT

Bei der Spezifischen Immuntherapie (SIT, Hyposensibilisierung, “Allergie-Impfung“) wird eine definierte Dosis des Allergieauslösers unter die Haut gespritzt, um dem Immunsystem eine Toleranz gegenüber dem eigentlich harmlosen Allergen “anzuerziehen“. Eine solche Impfkur dauert in der Regel einige Jahre, kann aber auch – in einer Klinik unter ärztlicher Überwachung – in einem Schnellverfahren absolviert werden. Ihre Erfolgsrate liegt gerade bei Insektengift in einem sehr hohen Bereich.

 

Weiter führende Links:
Ratgeber Insektengiftallergie 
Test: Sind Sie allergisch gegen Insektengift? 
Interessengemeinschaft Allergenvermeidung 

 

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