Kalkschulter: was hilft gegen den unerträglichen Schmerz?

Eine Kalkschulter geht mit starken Schmerzen einher, die vor allem beim Hochheben der Arme auftreten. Foto: Adobe Stock, (c) gzorgz

Plötzlich und unerwartet höllische Schmerzen beim Heben eines Arms – dahinter kann eine Kalkschulter stecken. Warum sie entsteht, weiß niemand ganz genau. Eines aber ist sicher: Oft heilt eine Kalkschulter von allein wieder aus. Behandelt gehört sie trotzdem, wenn sie Beschwerden verursacht.

Was bedeutet Kalkschulter?

Lagern sich Kalziumsalze in Sehnen der Rotatorenmanschette ein, spricht man von einer Kalkschulter oder Tendinosis calcarea. Das geschieht üblicherweise im Ansatzbereich der Sehnen. Am häufigsten in der obersten Sehne, die zum Musculus supraspinatus gehört.

Was ist die Rotatorenmanschette?

Die vier Muskeln Musculus supraspinatus, Musculus subscapularis, Musculus infraspinatus und Musculus teres minor bilden die sogenannte Rotatorenmanschette. Sie umfassen haubenförmig (daher: Manschette) das Schultergelenk und ziehen vom Schulterblatt zu Vorsprüngen am Oberarmknochen.

Die Rotatorenmanschette zentriert den Gelenkkopf des Oberarms in der Gelenkpfanne des Schulterblatts und spannt die Gelenkkapsel des Schultergelenks. Auf die Art stabilisiert die sie das im Gegensatz z. B. zum Knie kaum bandgesicherte Schultergelenk. Ihre Muskeln drehen (Rotation, daher: Rotatoren) den Arm ein- und auswärts und spreizen ihn vom Körper ab. Sie müssen also intakt sein, will man z. B. den Arm heben, um sich zu kämmen, Wäsche aufzuhängen, Glühbirnen einzuschrauben oder einen Pullover über den Kopf zu ziehen.

Warum entsteht eine Kalkschulter? Ursachen

Wie es zu einer Kalkschulter kommt, ist noch nicht völlig geklärt. Anscheinend löst eine verminderte Durchblutung der Rotatorenmanschette mit nachfolgendem Sauerstoffmangel die Umwandlung der Sehnenzellen in Faserknorpel bzw. die Kalkeinlagerung in den Sehnenansätzen aus. Doch gehen manche Forscher auch von einer Störung im Kalziumstoffwechsel der Sehnenzellen aus. Und andere von einem chronischen Reiz auf die Sehnenzellen, der sie zwingt, sich ständig regenerieren zu müssen.  Somit soll es zu einer Kalziumstoffwechselstörung mit nachfolgenden Einlagerungen von Kalkkristallen kommen.

Jedenfalls nimmt die Erkrankung einen phasenhaften Verlauf, wobei nicht alle Stufen durchlaufen werden müssen. Die Krankheit kann in jedem Stadium zum Stillstand kommen oder heilen. Und jede Phase kann unterschiedlich lange dauern.

Meistens entwickelt sich eine Kalkschulter über längere Zeit. Eventuell begünstigt durch Unfälle, Verletzungen, Überlastungen, Stoffwechsel- oder Durchblutungsstörungen.

Kalkschulter: Krankheitsstadien

1. Stadium (Formierungsstadium): Die mangelhafte Durchblutung löst eine vermehrte, aber beschwerdefreie Bildung von Faserknorpel im Sehnengewebe aus.

2. Stadium (chronisches Stadium): Es lagern sich Kalziumsalze mit kreideartiger Konsistenz ein, die den Knorpel teilweise oder ganz ersetzen. Das engt den ohnehin recht schmalen Raum zwischen Oberarmknochenkopf und Schulterdach ein. Vor allem bei Drehbewegungen des Arms über Schulter- oder Kopfhöhe können Sehnen und Kalkansammlungen gegen das Schulterdach gepresst werden. So entsteht eine zunehmende Bewegungseinschränkung des Arms durch Blockade des Gelenkraumes, ein “Impingement“. In der Folge entzündet sich meist die Sehne des Musculus supraspinatus, oft auch die Bursa subacromialis (Schleimbeutel). Das bewirkt ein Anschwellen der Sehne, die nun auf die anderen Schultersehnen drücken kann.

3.Stadium (Resorptionsstadium): Die Kalkdepots verflüssigen sich und nehmen dabei eine zahnpastenähnliche Beschaffenheit an. Dieser Vorgang aktiviert das Immunsystem, dessen Fresszellen, die Makrophagen, die störenden Kristalle aufnehmen und beseitigen. Blutgefäße wachsen ins erkrankte Sehnengewebe ein, was die Durchblutung verbessert. Diese Auflösung der Ablagerungen führt wiederum zu sehr schmerzhaften Entzündungen, etwa des Schleimbeutels.

4. Stadium (Reparationsstadium): Die Sehne regeneriert dank vermehrter Kollagenbildung, bis sie wieder intakt und funktionsfähig ist.

Die Krankheit kann also von selbst wieder heilen. Was häufig, aber nicht immer geschieht.

Wer bekommt eine Kalkschulter?

Jeder Zehnte weist Kalkablagerungen in einer Sehne der Schulter auf. Davon entwickelt die Hälfte irgendwann im Leben Beschwerden. Vorwiegend zwischen dem 35. und 50. Lebensjahr. Und da viel häufiger Frauen als Männer, was wahrscheinlich mit dem Stoffwechsel oder dem Hormonhaushalt zu tun hat. Besonders gefährdet dafür scheinen Diabetiker zu sein, vor allem solche unter einer Insulindauertherapie.

Welche Symptome verursacht die Kalkschulter?

Die Art der Beschwerden hängt vom Krankheitsstadium sowie der Lage und Größe des Kalkdepots ab. Für das erste und zweite Krankheitsstadium etwa sind hin und wieder vorkommende, bewegungsabhängige Schmerzen vor allem beim Hochheben des Arms typisch. Doch haben viele das Glück, trotz Kalkschulter beschwerdefrei durchs Leben zu gehen. Andere wiederum leiden unter – auch durch eine Mitentzündung der umliegenden Weichteile bedingten – starken Schmerzen, die typischerweise

  • plötzlich und ohne Auslöser kommen.
  • bei Bewegung zunehmen.
  • vor allem bei Über-Kopf-Arbeiten (z.B. Fensterputzen, Gardinen aufhängen) auftreten.
  • sich besonders nachts einstellen und das Schlafen auf der Seite der erkrankten Schulter verunmöglichen.

Je nach Sitz des Kalkdepots können die Schmerzen in den Oberarm, den Ellbogen, manchmal sogar bis ins Handgelenk ausstrahlen. Viele empfinden die meist wellenförmig auftretenden, dumpfen und bohrenden Schmerzen als unerträglich.

Zusätzlich besteht eine Pseudoparalyse, eine fast völlige Bewegungsunfähigkeit der erkrankten Schulter. Die schmerzhafte Bewegungseinschränkung der Schulter durch Entzündung der Schleimhaut im Gelenk und der Schulterkapsel führt zu einer Verdickung und danach Schrumpfung der Schulterkapsel. Zudem vermeiden die Erkrankten jede Bewegung, wenn die Schmerzen zu stark werden. Sie wollen die Schulter schonen. Dann aber droht eine Schultersteife (= Frozen shoulder), sodass nur noch eingeschränkt eine Abspreizung und Drehbewegungen der Schulter möglich sind. Darüber hinaus kommt es zu Verspannungen und einer Überbeanspruchung der für die Bewegung des Schulterblatts zuständigen Muskulatur in der Nackenregion. Und damit zu Nackenschmerzen.

Mann beim Arzt wegen Schmerzen durch Kalkschulter

Mittels Röntgenbildern kann der Orthopäde feststellen, wo genau der Kalk sitzt. Foto: Adobe Stock, (c) RFBSIP

Habe ich eine Kalkschulter? Diagnose

Da Schulterschmerzen außer einer Tendinosis calcarea auch noch andere Ursachen wie z.B. einen Sehnenriss oder -einriss oder eine Arthrose haben können, müssen diese orthopädisch abgeklärt werden. Bei der klinischen Untersuchung findet der Facharzt in der Regel eine hochschmerzhafte Druckstelle an der erkrankten Schulter. Dort sitzt der Kalkherd.

Zum Nachweis des Kalkdepots eignet sich ein Ultraschall. Und Röntgenaufnahmen, die zeigen, ob der Gelenkkopf des Oberarmknochens zentriert ist. Und wie der Kalk aussieht – schollig oder diffus, scharf oder flau – und wo er genau sitzt.

Übrigens wird eine symptomfreie Kalkschulter häufig nur zufällig bei einem aus anderen Gründen angefertigtem Röntgenbild entdeckt. Denn längst nicht jede Tendinose calcarea muss Schmerzen verursachen.

Was kann man gegen eine Kalkschulter tun? Behandlung

Kalkdepots in den Schultersehnen müssen nicht zwangsläufig zu Beschwerden führen und erfordern, wenn sie symptomlos sind, auch keine Therapie.

Besteht jedoch eine Tendinitis calcarea, also eine Entzündung, kann diese zwar ohne Therapie abklingen, sollte aber behandelt werden. Weil die Kalkablagerung in der chronischen Phase aufgrund ihrer Größe immer wieder Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursacht. Sonst passiert es, dass man eine ständige Schon- sprich Fehlhaltung einnimmt, die zu weiteren Beschwerden wie etwa Nackenschmerzen führt.

Außerdem kann der Kalk Schäden am Sehnengewebe verursachen. Das heißt, die Sehne wird brüchig und mechanisch weniger belastbar. Sie reißt leichter ein oder gar durch. Und das wiederholt, wenn die Therapie zu spät einsetzt. Auch tragen hartnäckige und stark verhärtete Kalkdepots zur Entwicklung einer Schulterarthrose (Omarthrose) bei.

Konservative Therapien

Zunächst kommen konservative Methoden zum Einsatz. In erster Linie sogenannte nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) zur Schmerzlinderung und Hemmung der Entzündung. Zusätzlich kann der Orthopäde Schmerzmittel, lokale Betäubungsmittel oder Kortison unter das Schulterdach spritzen (Infiltration). Die Schmerzbekämpfung soll verhindern, dass der Arm gar nicht mehr bewegt und daher das Gelenk steif wird. Auch hilfreich sind Eispackungen oder andere Formen der Kryotherapie, Akupunktur und entzündungshemmende Salben.

Vor allem aber Physiotherapie (z.B. Elektrotherapie), um die Durchblutung im Umfeld der Sehne anzuregen, was den Abtransport der Kalkansammlung fördern und die Beweglichkeit wiederherstellen soll. Denn Sehnen haben keine Blutgefäße. Sie brauchen Nährstoffe aus umliegenden Flüssigkeiten. Außerdem, um Fehlbelastungen und Muskelverspannungen zu verringern. Und diejenigen Muskeln zu kräftigen, die den Oberarmkopf nach unten ziehen und daher Druck vom Schleimbeutel und der geschwollenen Sehne nehmen.

Liegt eine akute und damit sehr schmerzhafte Schleimbeutelentzündung (Bursitis subacromialis) vor, kann eine Schulterorthese, d. h. eine Bandage, den Arm kurzfristig entlasten.

Kalkschulter

Bei einer Kalkschulter hilft Elektrotherapie, den Abtransport der Kalkansammlungen zu fördern. Foto: Adobe Stock, (c) motorolka

Spezielle Therapien

Bei ungenügender Besserung trotz Schmerzmittel und Physiotherapie steht eine extrakorporale Stoßwellentherapie zur Debatte, deren Wirksamkeit allerdings umstritten ist. Dabei werden durch ein wassergefülltes Kissen energiereiche akustische Wellen unter hohem Druck aufs Zielgebiet gerichtet. Diese Stoßwellen bewirken die Ausschüttung zahlreicher Botenstoffe im Körper, die eine Schmerzlinderung, Entzündungshemmung, Erweiterung der Blutgefäße sowie Gefäß- und Knochenneubildung bewirken. Somit wird das Kalkdepot zu mikroskopisch kleinen Partikeln zerrieben und durch die verbesserte Durchblutung abgebaut. Spannungsdruck im Gewebe und Schmerzen nehmen ab. Nach insgesamt dreimaliger Anwendung im Abstand von je bis zu einer Woche. Ziel der Behandlung ist eine Unterbrechung des Schmerzreflexkreises und Aktivierung körpereigener Regenerationsprozesse.

Eine weitere Therapieoption – außer in der Schwangerschaft – ist die Röntgenschwachbestrahlung. Bei ihr erhält die erkrankte Schulter an drei bis fünf aufeinanderfolgenden Tagen eine kurz dauernde, niedrig dosierte Radiotherapie. Die schmerzlose Methode bewirkt, dass sich die Entzündung um den Kalkherd zurückbildet, die Ablagerung aber nicht völlig auflöst. Wobei dieser Prozess einige Tage lang zu einer Verstärkung der Beschwerden führen kann, bevor der Entzündungsschmerz abklingt.

Alternativ kann auch eine Matrixtherapie alias zellbiologische Regulationstherapie versucht werden. Sie zielt auf eine biomechanische Reinigung der Zellumgebung in entzündlich veränderten Geweben ab. Durch Anwendung einer Schwingung mit einem Applikator. Sie soll die natürliche Eigenschwingung des Muskels wiederherstellen, die Mikrozirkulation um die Zellen in Gang bringen und Stoffwechselvorgänge auf Zellebene normalisieren. Das soll zunächst den venösen und lymphatischen Abfluss aus der schmerzhaften Schulterregion aktivieren, dann die Kalkeinlagerung so verändern, dass deren Abtransport und Ausscheidung über die Lymph- und Blutbahn gelingt. Dazu sind mehrere Sitzungen im Abstand von zwei bis drei Tagen erforderlich. Und eine ergänzende Therapie mit Tiefenwärme mit wassergefiltertem Infrarot-A sowie weiteren Maßnahmen der Zellbiologischen Regulationstherapie wie z. B. Basen-Wickel, Basen-Bäder u. a. m.

Wann muss eine Kalkschulter operiert werden?

Kommt es trotz konservativer Therapie innerhalb von drei bis sechs Monaten zu keiner Besserung der Symptomatik, was eher selten vorkommt, bleibt als Ausweg eine operative Ausräumung des Kalkdepots. Ebenso wenn dieses größer als 1 cm oder von harter Konsistenz ist, stark entzündetes oder vernarbtes Schleimbeutelgewebe bzw. eine brüchige oder angerissene Schultersehne vorliegt.

In seltenen Fällen kommt es bei einer Kalkschulter als letzte Lösung zu einer Operation. Foto: Adobe Stock, (c) gpointstudio

Wie verläuft die Operation?

Eine Kalkherdexstirpation wird in der Regel arthroskopisch, d. h. im Rahmen einer Gelenksspiegelung, durchgeführt. Dabei führt der Orthopäde zuerst eine Stabkamera in das Gelenk ein und stellt den Sitz der Kalkansammlung fest. Dann spaltet er die Sehne in Faserrichtung und legt den Kalkherd frei, saugt den sichtbaren Teil davon ab und erweitert den Raum unter dem Schulterdach. Und entfernt den entzündeten Schleimbeutel. Gleichzeitig bietet ihm der Eingriff die Gelegenheit, eventuelle weitere Schäden an der Schulter zu erkennen und – soweit möglich – zu beheben. Ein Verfahren mit hoher Erfolgsquote, aber auch recht hohem Komplikationsrisiko. Daher empfehlen sie Experten nur für Fälle, in denen sehr große Kalkdepots vorliegen. Oder sehr heftige therapieresistente Schmerzen.

Was ist nach der Operation zu beachten?

Bereits am ersten Tag danach wird der Arm unter Anleitung eines Physiotherapeuten vorsichtig und nur bis zur Schmerzgrenze bewegt. Andernfalls kommt es zu Verwachsungen und Verklebungen.

Nach dem zwei bis drei Tage dauernden Spitalsaufenthalt sind schwere körperliche Arbeiten und Überkopfarbeiten für rund sechs Wochen tabu, damit sich die Sehnen erholen können. Büroarbeit ist üblicherweise nach etwa drei Wochen wieder möglich. Bis dorthin sorgt Krankengymnastik für den Erhalt der Beweglichkeit der Schulter.

Alternative: Needling?

Auch das sogenannte Needling dient dem Zweck, Kalkansammlungen aufzulösen. Dabei wird die bis zu einem Zentimeter große Ablagerung unter Ultraschall-Kontrolle mit einer kurzen Nadel mehrmals angestochen. Und kleine Mengen Flüssigkeit – etwa lokales Betäubungsmittel und Cortison – mit hohem Druck hineingespült, damit der Kalk in Bewegung gerät, sich löst und mit der Spritze abgesaugt werden kann. Eine eher unangenehme Prozedur. Noch dazu mit nicht eindeutigen Behandlungsergebnissen.

Was kann ich selbst tun?

  • Sogenannte Pendelübungen durchführen:
    • aufstehen
    • Ein Gewicht in die Hand nehmen. Etwa eine volle Mineralwasserflasche.
    • Diese am besten an die Hand binden, um die Schulter nicht zu verspannen, was bei normalem Halten geschehen würde.
    • Den Arm hängen und ihn gleichmäßig nach vorne und nach hinten pendeln lassen. Das schafft unter dem Schulterdach mehr Platz.
  • Bewegungen, bei denen Druck auf den Oberarmkopf ausgeübt wird, vermeiden. Wie etwa das Abstützen des erkrankten Armes auf dem Tisch.
  • Eis
  • Fettigen, kühlen Topfen

Wie oft bekommt man eine Kalkschulter?

Gute Nachricht: Nach komplettem Verschwinden einer Kalkschulter ist die Gefahr eines Wiederauftretens auf derselben Seite sehr gering.

Schlechte Nachricht: In bis zu 40 % der Fälle tritt eine Kalkschulter beidseitig auf.

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