Sozialphobie: Ursachen, Anzeichen & Behandlung

Sozialphobie

Die Sozialphobie ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen.  Foto: Adobe Stock, (c) Rawpixel.com

Jeder braucht zwischenmenschliche Kontakte, aber genau die machen Menschen mit Sozialphobie Angst. Sie fürchten bei Begegnungen so sehr, bewertet, kritisiert oder gedemütigt zu werden, dass sie viele Situationen meiden. Die gute Nachricht: Eine Sozialphobie ist überwindbar. Wie? Alle Informationen dazu findest du hier.

Was heißt Sozialphobie?

Die Sozialphobie gehört zu den Angststörungen. Genauer gesagt zu den Phobien, d. h. extremen Ängsten vor bestimmten Lebewesen, Objekten oder Situationen. Ihr wichtigstes Merkmal ist eine übermäßige Furcht vor dem Kontakt mit anderen Menschen bzw. Angst vor Situationen, in denen man im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen oder sich peinlich verhalten könnte. Diese Phobie ist so übermächtig, dass sie das Leben einschränkt.

Die soziale Angststörung wurde früher als soziale Neurose bezeichnet, die sich als krankhafte Schüchternheit bemerkbar macht. Erst in den 1980er-Jahren hat sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt.

Sie zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Tendenz steigend, vermutlich aufgrund des ständig steigenden Leistungsdrucks. Und sie bleibt ab ihrem erstmaligen Auftreten oft für den Rest des Lebens bestehen. Doch meist nur deshalb, weil viele Sozialphobiker sich ihrer Angst ausgeliefert fühlen und sich nicht vorstellen können, dass es dagegen Hilfe gibt. Ein fataler Irrtum, der Lebensqualität, oft auch Chancen auf eine berufliche Karriere, tragende Beziehungen und anderes mehr kostet.

Ist Sozialphobie heilbar?

Unbehandelt verläuft die Sozialphobie meist chronisch, wobei sich symptomreiche Phasen mit relativ beschwerdearmen Zeiten abwechseln. Nur sehr selten geschieht eine Spontanheilung. Erst einmal erkannt, was leider recht oft unterbleibt, ist die Angststörung jedoch meist gut therapierbar. Fazit: Die Erkrankung kann geheilt werden. Mindestens aber lassen sich die Symptome stark verringern.

Wer bekommt eine Sozialphobie?

Die Erkrankung beginnt meistens zwischen dem zehnten und 20. Lebensjahr. Und zwar häufig nach einem einprägsamen, traumatischen Erlebnis wie etwa einem belastenden Lebensereignis (z. B. Tod eines Angehörigen, Trennung) oder der Erfahrung von anderen ausgelacht, gedemütigt oder ausgeschlossen worden zu sein. Ab dann entwickelt der Sozialphobiker ein verzerrtes Selbstbild und eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit. Typisch für ihn ist eine niedrigere Toleranzschwelle bezüglich neuer Herausforderungen und unbekannter Situationen.

Häufig leiden sehr perfektionistische und selbstkritische Personen, die zusätzlich großen Wert auf das Urteil anderer legen, an einer Sozialphobie.

Oft fehlt es ihnen an nötigem Selbstwertgefühl. Im Unterschied dazu müssen schüchterne Menschen, die ja auch nicht gerne im Mittelpunkt stehen, nicht unbedingt ein geringes Selbstwertgefühl und einen großen Leidensdruck aufweisen. Solche mit überhöhten Erwartungen an sich selbst und Katastrophenphantasien bezüglich der Auswirkungen des eigenen Verhaltens.

Dass Frauen sind von sozialen Angststörungen häufiger betroffen sind als Männer, erklären Experten damit, dass sie sich im Berufsleben noch immer gegenüber dem männlichen Geschlecht beweisen und behaupten müssen. Abgesehen davon sehen sie sich – dank dem von Medien vermittelten Frauenbild – einer strengeren Bewertung hinsichtlich ihres Äußeren ausgesetzt. Nicht zuletzt verfügen viele Frauen über einen Hang zum Perfektionismus.

Wie entsteht eine Sozialphobie? Ursachen

Warum sich eine soziale Phobie entwickelt, ist nicht genau bekannt. Als mögliche Auslöser bzw. begünstigende Umstände gelten Faktoren wie

  • eine erbliche Veranlagung, denn sie tritt in bestimmten Familien bzw. bei Zwillingen gehäuft auf
  • ein problematisches – z. B. überbehütendes, zu kontrollierendes oder zurückweisendes – Verhalten oder ein Alkoholismus der Eltern
  • chronischer Stress
  • Außenseitertum
  • ein niedriger sozialer Status und/oder Bildungsstand, geringes Einkommen oder Arbeitslosigkeit
  • Störungen im Serotonin- und Dopaminsystem (Botenstoffe im Gehirn)
  • Auffälligkeiten im Bereich von Hirnarealen, die mit der Selbstkontrolle und Regulierung von Emotionen zusammenhängen
Sozialphobie

Menschen mit Sozialphobie haben Furcht vor dem Kontakt mit anderen Menschen. Foto: Adobe Stock, (c) Vladimir

Wie zeigt sich eine Sozialphobie?

Eine Sozialphobie ist eine Art sehr übersteigerte Schüchternheit bzw. schwere Verunsicherung im Umgang mit anderen. Sozialphobiker empfinden Situationen, in denen sie von anderen gemustert, kritisiert oder abgewiesen werden könnten, als unerträglich, weil sie sie als Bedrohung des eigenen Selbstwertes erleben. Sie haben Angst, vermeintliche Fehler zu machen, sich ungeschickt oder beschämend zu verhalten bzw. in irgendeiner Form negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und sie fürchten sich vor Erniedrigung, Demütigung und Kränkung.

Sprechen, Schreiben oder Essen in der Öffentlichkeit kann ihnen Unbehagen bereiten. Und auch persönlicher Kontakt mit dem anderen Geschlecht kann sie kopfscheu machen. Da sie fürchten, der Bewertung durch andere ausgesetzt zu sein, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung zu stoßen, meiden sie gesellschaftliche Zusammenkünfte und gehen angstauslösenden Situationen aus dem Weg. Nicht nur solchen, die auch andere gelegentlich scheuen wie Behördenwegen, Arztbesuchen oder dem Ablegen von Prüfungen. Sondern auch eigentlich harmlosen wie sich mit einem Nachbarn zu unterhalten, im Beisein anderer zu telefonieren oder in einem Restaurant zu essen.

Der Spotlight-Effekt

Typisch ist auch der sogenannte Spotlight-Effekt. Er bezeichnet die Einbildung, dass andere Menschen einem viel mehr Aufmerksamkeit widmen, als es tatsächlich der Fall ist. Zudem macht Menschen mit sozialer Phobie unruhig, dass man ihnen ihre Angst und Nervosität ansehen könnte, was ihre Phobie oft noch verstärkt. Dann kommt es erst recht zu einer Sprechhemmung und häufigen Versprechern. Die Symptome können sich bis hin zu Panikattacken steigern.

Dass ihre Angst unbegründet oder übertrieben ist, wissen viele Sozialphobiker, doch hat sie so intensiven Charakter, dass sich die davon Befallenen kaum aus eigener Kraft befreien können. So verharren sie in ununterbrochener Grübelei, negativer Selbstbeobachtung und schmerzhaften Minderwertigkeitsgefühlen. Oft vergesellschaftet mit Verhaltensauffälligkeiten wie Einsilbigkeit und eingeschränkten oder verlangsamten Bewegungen. Sie wollen nicht auffallen und verhalten sich daher unauffällig. Oft wirken sie auf andere ruhig und kompetent, fühlen sich selbst aber klein, hilflos oder verängstigt.

Welche Arten von Sozialphobie gibt es?

Dabei unterscheidet man zwischen einer – eher seltenen – spezifischen sozialen Phobie mit zum Beispiel “nur“ Angst vor dem Reden, Schreiben oder Essen vor anderen und einer allgemeinen oder generalisierten Sozialphobie mit grundsätzlicher Angst vor zwischenmenschlichen Kontakten.

Welche körperlichen Symptome treten bei Sozialphobie auf?

Oft wird die soziale Angststörung begleitet von Beschwerden wie

  • Hitzewallungen bzw. Schweißausbrüchen
  • Zittern
  • Erröten
  • Übelkeit oder Würgereiz
  • Herzrasen
  • Atemnot
  • Muskelverspannungen
  • Schwindel
  • Harndrang oder Durchfall
  • Beklemmungsgefühle in der Brust
  • Kopfdruck
  • einem flauen Gefühl im Magen
  • Mundtrockenheit

Oft führt die Konzentration auf sich selbst bzw. die körperlichen Beschwerden zu deren Verschlimmerung.

Auch kognitive Symptome wie Gedankenkreisen, Derealisation (abnorme oder verfremdete Wahrnehmung von Umgebung, Personen und Gegenständen) und Depersonalisation (Selbstentfremdung) können vorkommen.

Welche Folgen hat eine Sozialphobie?

Das ungewöhnliche Verhalten führt zu Hindernissen und versäumten Chancen im Privat- und Arbeitsleben, schlimmstenfalls zu Vereinsamung, Berufsunfähigkeit oder gar Selbstmord. Auch eine Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Medikamenten, die “helfen“, die unerträglichen Symptome zu überdecken, findet man bei Sozialphobikern gehäuft.

Bei einem Großteil der Menschen mit sozialer Phobie entwickeln sich auch andere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Panikattacken oder Persönlichkeitsstörungen sowie psychosomatische Folgeerkrankungen.

Wohin bei Sozialphobie?

Ansprechpartner bei Verdacht auf eine Sozialphobie sind Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapeuten und Ärzte mit Weiterbildung in psychotherapeutischer Medizin.

Sozialphobie

Mit der kognitiven Verhaltenstherapie lässt sich die Sozialphobie behandeln. Foto: Adobe Stock, (c) Yakobchuk Olena

Habe ich eine Sozialphobie? Diagnose

Am Beginn der Diagnostik steht ein Gespräch, in dem das Ausmaß der Sozialphobie ermittelt und gleichzeitig geklärt wird, ob zusätzlich oder stattdessen andere psychische Erkrankungen wie z. B. Depressionen, eine generalisierte Angststörung oder Panikattacken vorliegen.

Dabei können Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Etwa Fragebögen wie die Soziale-Phobie-Skala oder ein vom Patienten geführtes Angsttagebuch. Nach deren Beurteilung folgt ein Behandlungsplan.

Dabei kann es schwierig sein zu unterscheiden zwischen Schüchternheit, noch normaler sozialer Gehemmtheit und Sozialphobie. Auch sollten kulturelle Unterschiede in dem, wie sich eine soziale Phobie äußert, Berücksichtigung finden. So fürchten Ostasiaten etwa eher, dass Augenkontakt, ihr eigenes Erscheinungsbild, ihr Gesichtsausdruck, Körpergeruch oder ihre natürlichen Bewegungen anderen unangenehm sein könnten. Menschen aus westlichen Gesellschaften haben eher Angst, sich selbst zu blamieren oder beschämt zu werden.

Eindeutige Anzeichen von Sozialphobie

Ein sicheres Anzeichen für die Erkrankung ist, wenn der Patient bestimmte Tätigkeiten alleine furchtlos ausführen kann, in Gegenwart anderer dabei aber Angst erlebt. Die Diagnose Sozialphobie trifft jedenfalls dann zu, wenn ungewöhnlich starke Ängste zu einem verhängnisvollen Vermeidungsverhalten in bestimmten Situationen führen. Das heißt, ihre Ängste

  • sind intensiv und bestehen seit mindestens sechs Monaten.
  • betreffen eine oder mehrere gesellschaftliche Situationen und zwar fast immer die gleichen.
  • beruhen auf der Angst vor negativer Bewertung durch andere
  • führen zu Verhaltensänderungen, die auf ein Meiden der Situation(en) abzielen.
  • stehen in keinem Verhältnis zu tatsächlichen Gefahren
  • führen zu starkem Stress oder einer beeinträchtigten Funktionsfähigkeit.

Der Haken an der Geschichte: Gerade Sozialphobikern fällt es schwer, über Probleme zu reden. Viele halten ihre Ängste auch für unabänderliche Charaktereigenschaften. Oder sie fürchten, einem beobachtenden, wertenden Therapeuten ausgeliefert zu sein, was genau ihrer Grundangst entspricht. Ebenso behagt es manchem nicht, vielleicht von seiner Umgebung als psychisch gestört stigmatisiert zu werden. So kommt es, dass sich viele Menschen mit sozialer Phobie keine fachgerechte Hilfe suchen. Oder erst dann, wenn Folgeerkrankungen wie z. B. Panikattacken eintreten.

Wie wird die Sozialphobie behandelt?

Sozialphobiker stehen unter großem Leidensdruck. Der lässt sich entscheidend verringern. Eine gute Methode hierfür ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie. Eine andere sind Medikamente.

Entscheidend für den Therapieerfolg ist, dass der Sozialphobiker ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Therapeuten hat. Das Gefühl, Vertrauen aufbauen zu können, sollte daher das wichtigste Kriterium bei der Auswahl des Therapeuten sein.

Abgesehen davon ist es wichtig, dass beim Erstgespräch alle Symptome, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten besprochen werden und gemeinsam ein Behandlungskonzept vereinbart wird.

Sozialphobie

Eine Sozialphobie kann überwunden werden, wenn man daran arbeitet.  Foto: Adobe Stock, (c) Look!

Kognitive Verhaltenstherapie

Bei dieser Form von Psychotherapie geht es darum, durch Verhaltensexperimente negative Gedankenspiralen bewusst zu machen, sie zu überprüfen und durch angemessene Bewertungen zu ersetzen, um die verzerrte Selbstwahrnehmung zu korrigieren. Damit verbunden ist, gewisse Risiken einzugehen, Fehler und Ablehnung ertragen zu lernen, eventuelle Perfektionsansprüche aufzugeben, sich zu akzeptieren und unabhängiger von der Meinung anderer zu machen.

Im Fall einer Sozialphobie bedeutet das, sich in angsterzeugende Situationen zu begeben, statt sie wie bisher zu meiden. Dabei gilt es, währenddessen auftretende Ängste oder Symptome zuzulassen. Vor allem aber, so lange in der angstauslösenden Situation zu bleiben bzw. sich in ihr zu üben, bis die Furcht abnimmt und die Beschwerden schwinden.

Die kognitive Verhaltenstherapie kann auch im Rahmen einer Gruppentherapie angewendet werden. Oder als Expositionstherapie. Letztere umfasst konkrete Übungen, mit deren Hilfe der Sozialphobiker lernt, gefürchtete Situationen aktiv zu meistern. Dabei erkennt er üblicherweise, dass nichts Schlimmes passiert, wenn er sich – scheinbar oder auch tatsächlich – blamiert oder “aufführt“. Dazu gehören beispielsweise Mittelpunkts-, Ansprech- oder Blamierübungen. Oder auch zu trainieren, Forderungen zu stellen.

Eine solche Mittelpunktsübung besteht etwa darin, sich an einem öffentlichen Ort wie z. B. in einem größeren Geschäft, Verkehrsmittel oder auf der Straße, gegenseitig etwas zuzurufen. Eine Ansprechübung wäre, auf der Straße jemanden nach der Uhrzeit oder dem Weg zu fragen. In einem Supermarkt an der Kasse etwas zurückstellen zu lassen, weil das mitgebrachte Geld nicht reicht, zählt z. B. zu den Blamierübungen.

Antidepressiva

Reicht die psychotherapeutische Behandlung nicht aus oder ist die Störung schon weit fortgeschritten, sodass der Sozialphobiker z.B. das Haus nicht mehr verlässt, können auch – vorübergehend – Medikamente zum Einsatz kommen. Meist sind es Antidepressiva. Bei akutem Angstanfall auch Beruhigungsmittel, sogenannte Benzodiazepine, die aber abhängig machen können und daher höchstens kurzfristig genommen werden sollten. Auch können Benzodiazepine die Erkrankung nicht ursächlich behandeln. Sie dämpfen lediglich die Angst für eine gewisse Zeit.

Weitere Therapieansätze

Unterstützend zu einer Psychotherapie oder medikamentösen Behandlung wirken körperliche Aktivitäten und Entspannungsmethoden wie Autogenes Training oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson angstlindernd. Auch lassen sich soziale Kompetenzen mit einem entsprechenden Training verfestigen. Nützlich kann auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit sozialer Angststörung sein.

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