Neurodermitis: Stress für Haut und Seele

Neurodermitis

Neurodermitis ist eine Hautkrankheit, die vor allem Kinder betrifft. Foto: Adobe Stock, (c) DOC RABE Media

Reagiert das Immunsystem überempfindlich auf eigentlich recht harmlose Reize, kann das zu geröteten, schuppenden und juckenden Hautstellen führen. Neurodermitis nennt man diese Erkrankung, die vor allem Kinder quält. Dann sind zahlreiche Maßnahmen wie etwa eine konsequente Hautpflege oder das Meiden hautreizender Stoffe angesagt, um sich in seiner Haut wieder wohler zu fühlen. Und auch seelisch sollte man sich ein “dickeres Fell“ wachsen lassen. Das Positive daran: Die Neurodermitis kann sich “auswachsen“. Und sie ist nicht ansteckend!

Plötzlich Neurodermitis? Diagnose

Fachlich korrekt heißt die Neurodermitis eigentlich “atopische Dermatitis“ (atopisches Ekzem, Sulzberger-Garbe-Syndrom, endogenes Ekzem). Dieser Begriff verrät auch gleich, worum es sich bei der Erkrankung dreht. Denn als Atopie (griech.: atopía = Ortlosigkeit, nicht zuzuordnen) bezeichnet man die anlagebedingte (familiäre, vererbte) Bereitschaft (daher auch konstitutionelles Ekzem genannt), auf Reize (z.B. bestimmte Substanzen) ohne ersichtliche Ursache überempfindlich zu reagieren. Und Dermatitis (Derma = Haut =; -itis = Entzündung) ist – genauso wie Ekzem (griech.: ekzema = Aufgegangenes) – ein Ausdruck für Hautentzündung. Doch hält sich der veraltete Name Neurodermitis hartnäckig. Obwohl er auf der fälschlichen Annahme beruht, eine Nervenentzündung (Neuro = Nerven) sei die Ursache für die Krankheit, wie man früher glaubte.

Die gute Nachricht: In der Mehrzahl aller Fälle heilt die Neurodermitis, die meist mit starkem Juckreiz (daher auch Prurigo Besnier genannt) einhergeht, bis spätestens zur Pubertät ab bzw. hinterlässt nur eine etwas trockenere Haut.

Die schlechte Nachricht: Die Krankheit kann plötzlich oder auch langsam wieder aufflammen, nachdem sie lange Zeit (Monate bis Jahre) verschwunden schien.

Was ist Neurodermitis?

Die Neurodermitis ist ein chronisches Hautleiden mit ekzematösem Charakter, das sich vor allem bei Kindern zeigt, aber auch so manchen Erwachsenen nicht verschont. Sie gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. 5 bis 20% aller Kinder entwickeln ein atopisches Ekzem. Viele davon bereits im ersten Lebensjahr. Tendenz steigend.

Oft ist das Hautleiden vergesellschaftet mit anderen Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis, wie allergisches Asthma (daher wird die Neurodermitis auch Asthmaekzem genannt), Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien. Die Neurodermitis selbst ist also keine Allergie, kann jedoch (muss aber nicht) mit Allergien verbunden sein.

Zur Beurteilung der Ausdehnung und Intensität des atopischen Ekzems dienen Scores, die Informationen zur Krankheit und ihrem Verlauf dokumentieren. In Europa hauptsächlich der SCORAD (Scoring Atopic Dermatitis).

Ursachen: Woher kommt Neurodermitis?

Die Neigung, ein atopisches Ekzem zu entwickeln, beruht auf einer erblichen Veranlagung. Vor allem wenn beide Eltern daran erkrankt sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit enorm , dass ihr Kind auch unter Neurodermitis leidet. Dann führen diverse Einflüsse zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems – oft inklusive Bildung von Immunglobulinen der Klasse E, die auch an Heuschnupfen, allergischem Asthma und Nahrungsmittelallergien beteiligt sind. Sie setzen eine Reihe von Reaktionen in Gang, die zu den typischen Symptomen wie z.B. Juckreiz führen.

Welche Gene für das Entstehen der Krankheit verantwortlich zeichnen, wird erst noch erforscht. Einige Abschnitte auf mehreren Chromosomen, die eine Veranlagung zu Neurodermitis bzw. erhöhte Entzündungsbereitschaft der Haut mit sich bringen, wurden bereits gefunden. Doch nicht jeder Genträger erkrankt, zeigen Untersuchungen an eineiigen Zwillingen, deren Erbgut ja identisch ist.

Auch welche Mechanismen genau zu den Hautsymptomen führen, ist noch nicht restlos geklärt. Jedenfalls zeigen sich Veränderungen am Filaggrin. Das ist eine Gruppe von Eiweißstoffen, die beim Verhornungsprozess in den Hautzellen produziert werden und beim Aufbau der Hautstruktur eine wichtige Rolle spielen. Durch diese Veränderungen kommt es zu einer Beeinträchtigung der Hautbarriere, die normalerweise für den Schutz der Haut vor dem Eindringen von Schadstoffen sorgt. Somit können Allergene (Allergieauslöser) und irritierende Substanzen leichter in die Haut gelangen.

Ein Mangel an speziellen Hautfetten, den Ceramiden, sowie eine verminderte Produktion des sogenannten natural moisturizing factors lässt die Haut vermehrt Wasser verlieren und trocken werden. Auch ist der pH-Wert der Haut erhöht, was die Hautbarriere zusätzlich stört. Und neurodermitische Haut besitzt weniger für die Krankheitsabwehr nötige Peptide (Eiweißstoffe), was ihre Neigung zu Infektionen und Entzündungen noch zusätzlich verstärkt.

Ursachen: Was eine Neurodermitis auslöst

Damit sich eine erbliche Veranlagung zur Neurodermitis in Hautsymptomen ausdrückt, bedarf es eines oder mehrerer äußerer oder innerer Reize als Auslöser. Genannt Trigger- oder Provokationsfaktoren. Typischerweise sind das

  • thermische Reize wie Schwitzen, Sauna, Dampfbad, Infrarot-(Wärme)-Bestrahlung, Haarfön, Trockenhaube, Klimaschwankungen, Wind, extreme Kälte, Trockenheit (durch tiefe Temperaturen, Heizung), übermäßige Sonneneinstrahlung, schwüles Wetter, Kleidung aus Kunstfasern (z.B. nicht atmendes Nylon), die Schwitzen fördert
  • mechanische Reize wie raue, kratzende Stoffe (z.B. Wolle), häufiges Epilieren, Kratzverletzungen (z.B. durch Haustiere)
  • chemische Reize wie Alkohol, irritierende Substanzen (z.B. Ziegelstaub) oder Chemikalien (z.B. Chlor im Schwimmbad, Reinigungsmittel, scharfe Waschmittel, Formaldehyd)
  • dauernd einwirkende Feuchtigkeit (z.B. zu häufiges Händewaschen, Arbeit in der Wäscherei oder als Koch)
  • Allergene wie Tierhaare, Pollen oder Hausstaubmilben
  • Infekte
  • Stress, Schlafstörungen oder die Psyche belastende Situationen wie etwa Trauer oder Angst

Solche Auslöser bewirken, dass das Ekzem entweder kurzfristig aufflackert oder über Wochen bis Monate “blüht“. Also sogenannte Krankheitsschübe. Eine Meidung dieser Faktoren kann zu einer Besserung der Beschwerden führen, aber nicht zur Heilung der Erkrankung.

Als Auslöser der Neurodermitis wird auch übertriebene Reinlichkeit in Betracht gezogen (“Hygienehypothese“). Diese Annahme basiert auf der Beobachtung, dass die Erkrankung vor allem Kinder befällt, die in keimarmen Haushalten leben. Das Immunsystem aber braucht genug Kontakt mit potenziellen Krankheitserregern, sonst ist es nicht ausgelastet und richtet sich gegen harmlose Fremdstoffe.

Nahrungsmittelallergie als Trigger

Sehr wahrscheinlich können auch einige Nahrungsmittel eine bestehende Neurodermitis beeinflussen bzw. verschlechtern, doch bei verschiedenen Patienten in unterschiedlichem Ausmaß. Das heißt aber nicht, dass jedes atopische Ekzem mit einer Nahrungsmittelallergie verbunden sein muss. Jedenfalls sind Lebensmittel als Auslöser eines Neurodermitisschubes häufig schwer zu beweisen. Um einem solchen Zusammenhang auf die Spur zu kommen, kann es sich lohnen, für mindestens zwei bis vier Wochen ein Symptom-Tagebuch zu führen. In diesem sind zu vermerken

  • alle verzehrten Lebensmittel und Zeitpunkte ihres Konsums
  • Tag und Uhrzeit, wann Hautsymptome (z.B. besonders starker Juckreiz) auftreten
  • Aktivitäten wie Schule, Arbeit, Sport, gesellige Treffen
  • wann welche Stimmungen (Ärger, Stress, Freude, Entspannung) vorkommen

Die Aufzeichnungen sollen Aufschluss darüber geben, ob die Hauterscheinungen mit bestimmten Nahrungsmitteln oder anderen Lebensumständen zusammenhängen. Zudem liefern sie dem Hautarzt oder Kinderarzt wichtige Informationen, damit er passende diagnostische und therapeutische Maßnahmen treffen kann.

Als Nahrungsmittel mit allergenem Potential haben sich bei Kindern v.a. Kuhmilch, Eier, Soja, Nüsse, Weizen, Fisch, bei Erwachsenen oft Kreuzallergene wie Nüsse, rohes Obst, bestimmte Gewürze und Gemüse erwiesen.

Diagnostik von Nahrungsmittelallergien

Besteht ein begründeter Verdacht, dass ein bestimmtes Lebensmittel die Krankheitsschübe verschlechtert, empfiehlt es sich, dieses rund eine Woche komplett zu meiden. Kommt es dann bei neuerlichem Genuss desselben zu einer Verschlechterung des Hautbildes, liegt der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie nahe. Eine Blutuntersuchung im Labor auf spezifische IgE (gegen verdächtigte Nahrungsmittelallergene gerichtete Antikörper) sowie ein Prick-Test (Haut-Ritz-Test) können diesen erhärten. Doch muss ein erhöhter IgE-Spiegel oder eine Quaddelbildung beim Prick-Test nicht zwingend bedeuten, dass das jeweilige Nahrungsmittel tatsächlich Probleme bereitet (“falsch positiver Befund“).

Bei unklaren Testergebnissen folgt eine diagnostische Diät. Das heißt, es werden nur Nahrungsmittel gegessen, die selten Allergien auslösen. Kommt es innerhalb von vier Wochen zu keiner Besserung des Hautzustandes, kann man eine Nahrungsmittelallergie als Hauptverursacher von Neurodermitis-Schüben ausschließen. Dann sind keine weiteren diätetischen Maßnahmen erforderlich, da in diesem Fall die Krankheit höchstwahrscheinlich nicht mit der Ernährung zusammenhängt.

Stellt sich im Rahmen der diagnostischen Diät hingegen eine deutliche Besserung ein, heißt der nächste Schritt blinde orale Provokationstests. Bei diesem aufwändigen Verfahren werden Nahrungsmittel hinsichtlich Geschmack und Konsistenz so verändert, dass der Getestete nicht erkennt (daher “blind“), was er zu essen/zu trinken bekommt, um unbeeinflusst zu bleiben. Auf die Art ist feststellbar, gegen welche Nahrungsmittel tatsächlich Allergien (erkennbar an sich zeigenden Symptomen) vorliegen. Nahrungsmittel, die sich dabei als gut verträglich erweisen, dürfen dann natürlich wieder auf den Speiseplan, solche, gegen die eine Allergie nachgewiesen wurde, allerdings nicht. Vor der dann erforderlichen Ernährungsumstellung ist eine professionelle Ernährungsberatung sinnvoll, um eine Mangelversorgung mit gewissen Nährstoffen sowie auf eigene Faust durchgeführte, womöglich unsinnige oder gar schädliche Diäten zu vermeiden.

Apropos Diät: Vor allem bei Kindern ist es ratsam, die Notwendigkeit einer solchen nach spätestens zwei Jahren erneut zu testen. Denn Allergien können sich im Laufe des Lebens verändern oder sogar verschwinden (sich “auswachsen“).

Symptome: Wie sich eine Neurodermitis zeigt

Typisch für eine Neurodermitis sind folgende Symptome

  • Ekzeme, d.h. eine Rötung und Schwellung mit anschließender Bildung von Knötchen oder auch von Bläschen, inklusive Nässen, dann Krustenbildung und Schuppung. An unterschiedlichen Hautstellen in verschieden starker Ausprägung. Mit der Zeit kommt es zu einer Verdickung, Vergröberung und Aufhellung der Haut (Lichenifikation).
  • eine Hauttrockenheit, die die Haut gegenüber Umwelteinflüssen empfindlich macht.
  • als quälend empfundene Juckreizattacken. Kratzen verschlimmert die Hautschäden und somit den Juckreiz und leistet Infektionen Vorschub, die das Problem noch verstärken.

Das Beschwerdebild bzw. die bevorzugt befallenen Stellen am Körper ändern sich mit dem Alter. So zeigen sich die Hauterscheinungen, die nur selten vor dem 3. Lebensmonat auftreten, in den ersten beiden Lebensjahren (“Milchschorf“) vor allem im Gesicht, d.h. an den Wangen und am Kinn . Doch auch an den Streckseiten der Extremitäten und am Rumpf, wobei typischerweise die Windelregion ausgespart bleibt. Sie umfassen leichte, kleinflächige Rötungen bis hin zu einer starken Rötung der gesamten Haut. Meist inklusive starkem Juckreiz oder auch bakteriellen Infektionen.

Später erstreckt sich das atopische Ekzem insbesondere auf die Beugen der großen Gelenke (Ellenbeuge, Kniebeuge). Daher lautet eine weitere Bezeichnung für die Neurodermitis: Ekzema flexurarum (Beugenekzem). Nacken, Gesicht und Hals können auch betroffen sein, wobei sich der Schweregrad der Hautsymptome mit zunehmendem Alter oft verringert – bestenfalls bis zum Verschwinden der Beschwerden.

Ab dem 7. Lebensjahr befällt die Neurodermitis hauptsächlich den Hand- und Fußbereich, eventuell auch Hals und Gesicht. Dabei beschränkt sie sich typischerweise auf einzelne Bereiche wie z.B. die Ellenbeugen oder Handgelenke.

Welche Areale betroffen sind, beeinflussen auch Belastungsfaktoren, denen sie ausgesetzt sind. So kann es etwa bei beruflichem Kontakt mit verschiedenen Substanzen zu einer Verstärkung von Handekzemen kommen. Mit zunehmendem Alter intensiviert sich zudem die Lichenifikation.

Folge: Hautinfektionen

Dank der

  • veränderten Abwehrlage, die eine vermehrte Besiedelung mit potenziellen Krankheitserregern, z.B. Staphylococcus aureus bedingt,
  • durch Schuppung, Furchen- und Rillenbildung vergrößerten Hautoberfläche, die eine Haftung von Keimen erleichtert,
  • gestörten Barrierefunktion der Haut
  • Behandlung mit entzündungshemmenden Mitteln (z.B. Kortison), die eine Immunantwort unterdrücken,

kommt es auf neurodermitischer Haut leicht zu Infektionen mit Bakterien, Viren oder Pilzen. Die Palette an bakteriellen Infektionen reicht von lokalen Entzündungsprozessen wie z.B. einer Follikulitis (Haarbalg-Entzündung) oder einem Abszess bis hin zu einem Erysipel (Rotlauf), einer Pyodermie (großflächige, eitrige Hautentzündung) oder schlimmstenfalls einer Sepsis (Blutvergiftung).

Virusinfekte wie z.B. Dellwarzen sind meist harmloser Natur. Doch gibt es auch lebensgefährliche wie etwa das Ekzema herpeticatum, bei dem Herpes-Viren eine großflächige Hautentzündung mit Bläschenbildung, hohem Fieber und schwerem Krankheitsgefühl, unter Umständen auch eine Blutvergiftung und Hirnhautentzündung verursachen können.

Neurodermitis

Bei Neurodermitis kommt es leicht zu Infektionen der Haut mit Bakterien, Viren oder Pilzen. Foto: Adobe Stock, (c) Dagmar Gärtner

Stigmata & Minimalvarianten

Weitere Symptome, die oft auf eine Neurodermitis hindeuten (“Neurodermitis-Stigmata“, Atopie-Stigmata), sie aber nicht zwingend beweisen, sind außer einer trockenen Haut (Sebostase) auch noch

  • die Dennie-Morgan-Falte: doppelte Lidfalte der Unterlider
  • das Hertoghe-Zeichen: v.a. seitlich ausgedünnte Augenbrauen vertiefte Hautlinien, z.B. an den Handflächen (Ichthyosis-Hand)
  • ein weißer Dermographismus: Auf ein Streichen mit einem spitzen Gegenstand über die Haut zeigt diese infolge einer paradoxen Gefäßreaktion weiße statt wie normal rote Streifen.

Abgesehen von den typischen Symptomen und Stigmata existieren Sonderformen des atopischen Ekzems. Sogenannte Minimalvarianten, weil sie nach dem Verschwinden der Hauptsymptome oft als einzige Erkrankungszeichen im Erwachsenenalter verbleiben:

  • die head-and-neck-Variante: ein ausschließlicher Befall von Kopf und Hals
  • stark juckende, stecknadelkopfgroße, blutige Krusten auf der Kopfhaut
  • Ekzeme der Augenlider
  • ein Juckreiz beim Tragen von Schurwolle, Schwitzen oder bei Stress
  • eine auffällige Blässe um die Mundpartie und/oder eingerissene Mundwinkel
  • ein Brustwarzenekzem oder chronische Ekzeme an den äußeren Geschlechtsteilen
  • eine Pityriasis alba: feine, weißliche Aufhellung und Schuppung an Wangen, Oberarmen oder am Rumpf auf ansonsten gebräunter Haut
  • eine Keratosis pilaris (Reibeisenhaut): verstärkte Verhornung um die Körperhärchen v.a. der Oberarme oder eine trockene, schuppige Haut der Handflächen und Fußsohlen
  • eine Pulpitis sicca: sehr trockene Haut und Schuppung an den Finger- oder Zehenkuppen
  • eingerissene Ohrläppchen
  • eine Cheilitis sicca, juckende, entzündete Lippen
  • im Winter kalte, rötlich-blaue Hände
  • häufige oder hartnäckige Hautinfektionen

Ansonsten erkennt der Hautarzt ein atopisches Ekzem bei der Begutachtung der Haut oft schon per sogenannter Blickdiagnose. Zur Bestätigung kann er Blutuntersuchungen (z.B. IgE), Allergietests oder – nur selten notwendig – eine Biopsie (Entnahme einer Gewebeprobe zur mikroskopischen Untersuchung) heranziehen. Bei der Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) interessieren ihn besonders Beginn und Verlauf der Beschwerden, familiäre Erkrankungen, Allergien, ein ev. bestehendes Asthma und eventuell bereits bekannte Triggerfaktoren, die das Beschwerdebild verstärken.

Was die Neurodermitis von der Psoriasis unterscheidet

Beiden Hautleiden ist gemeinsam, dass die Neigung, daran zu erkranken, vererbt wird. Zudem sind sowohl die Neurodermitis als auch die Psoriasis entzündliche Hauterkrankungen und nicht “bösartig“.

Was sie aber unterscheidet:

  • Die Neurodermitis gehört zum atopischen Formenkreis Im Gegensatz dazu hat die Schuppenflechte hat nichts mit Allergien zu tun.
  • Die Neurodermitis zeigt sich vornehmlich in den Ellenbeugen und Kniekehlen oder auch am ganzen Körper. Wohingegen die Psoriasis oft die Streckseiten der Arme und Beine befällt.
  • Bei der Schuppenflechte kann die Kopfhaut stark entzündet sein, während das Gesicht oft nicht betroffen ist. Anders die Neurodermitis. Sie geht gern mit einer doppelten Unterlidfalte, Ausdünnung der Augenbrauen oder Rosafärbung der Gesichtshaut einher.

Zudem tritt die Neurodermitis oft schon im Säuglingsalter zutage, die Psoriasis kaum.

Das A & O der Behandlung: konsequente Hautpflege

Die Behandlung der Neurodermitis zielt darauf ab, Beschwerden zu lindern und neuerliche Krankheitsschübe zu verhindern. An erster Stelle steht dabei eine konsequente, regelmäßige Hautpflege mit feuchtigkeitsspendenden (Emollienzien, z.B. wasserbindender Harnstoff) und rückfettenden Präparaten (Salben, Cremes, Lotionen). Welche zur Anwendung kommen, richtet sich unter anderem nach der Trockenheit der Haut. Diese Basistherapie hilft der Haut, ihre wichtigen Schutzfunktionen wieder besser zu erfüllen.

Dazu gehören – vor allem bei Befall großer Hautpartien – medizinische Ölbäder (z.B. mit Erdnuss-, Sojabohnen-, Paraffinöl). Sie hinterlassen einen Ölfilm auf der Haut (auch an händisch schwer erreichbaren Stellen), der sie vor dem Austrocknen schützt, ihre Besiedelung mit Bakterien vermindert und eventuelle Salbenrückstände entfernt. Dieser Film ist bei Emulsionsbädern (Emulgator: sorgt für ein Vermischen des Öls mit dem Wasser) dünn, bei emulgatorfreien Spreitungsbädern dicker.

Für größere Kinder und Erwachsene eignen sich zu demselben Zweck auf die angefeuchtete Haut aufgetragene, leicht einmassierte, anschließend mit kühlem Wasser abgespülte Duschöle. Sie gelangen konzentrierter an die Haut, was den rückfettenden Effekt verstärkt. Oder Syndets, rückfettende, hautschonende Mittel, die sowohl wasser- als auch fettlöslichen Schmutz entfernen. Den Bädern können bei starker Infektionsneigung antiseptische Zusätze beigemischt werden.

Nicht angesagt ist übertriebene Reinlichkeit. Denn zu häufiges Waschen trocknet die Haut aus und reizt sie. Einmal pro Tag duschen reicht üblicherweise. Bäder sollten weder zu häufig noch zu heiß (Säuglinge: 33 Grad Celsius) stattfinden, Badezusätze/Duschgele keine entfettenden oder parfümierten Zusätze enthalten. Salz als Badezusatz kann Wasser in der Haut binden und sie geschmeidiger machen. Nach dem Duschen/Baden darf die Haut nicht trocken gerubbelt, sondern nur abgetupft werden. Gleich danach sollte ein vom Arzt empfohlenes, rückfettendes Pflegeprodukt oder auch eine von ihm verschriebene entzündungshemmende Salbe aufgetragen werden. Denn in der ersten Viertelstunde danach ziehen die Mittel am besten in die Haut ein.

Neurodermitis

An erster Stelle bei der Behandlung von Neurodermitis steht die konsequente Hautpflege. Foto: Adobe Stock, (c) Monet

Therapie: Was gegen Neurodermitis wirkt

Neurodermitis ist zwar nicht heilbar, da die Veranlagung dazu im Erbgut unveränderlich festgeschrieben steht. Doch können Krankheitsschübe durch manche Maßnahmen sich bessern, seltener werden oder – im Bestfall – ganz verschwinden. Dazu gehören

  • das weitgehende Meiden hautreizender Substanzen Triggerfaktoren, soweit sie bekannt sind.
  • entzündungshemmende Kortikosteroide (“Kortison“). Topisch, d.h. in Form von Salben, deren Stärkeklasse dem Alter des Patienten, der Schwere der Entzündung und der betroffenen Körperregion angepasst werden. In schweren Fällen systemisch, d.h. als Tabletten oder Injektionen. Dabei ist ein Ausschleichen (langsame Dosisreduktion) notwendig. Bei einem abrupten Absetzen kommt es sonst zu einem sogenannten Rebound-Effekt (Wiederauftreten des Ekzems).
  • kortisonfreie Entzündungshemmer (topische Immunmodulatoren) wie etwa Calcineurin-Inhibitoren, die Zytokine (körpereigene Entzündungsmediatoren) hemmen. Das sind Salben zur längerfristigen Behandlung an empfindlichen Hautstellen (z.B. Gesicht, Hals, Achselhöhle, Leisten- und Genitalbereich) oder der behaarten Kopfhaut. Doch können sie beim Auftragen brennen, virale Hautinfektionen fördern und in Kombination mit UV-Licht das Immunsystem der Haut beeinträchtigen. Deshalb sind sie abends bzw. mit entsprechendem Sonnenschutz anzuwenden.
  • Antihistaminika, um den Juckreiz zu stillen, der stresst und die Nachtruhe stört, zu sich entzündenden Kratzspuren führt und so den nächsten Neurodermitis-Schub vorprogrammiert.
  • Antiseptika, Antibiotika, Virostatika oder Antimykotika bei Hautinfektionen je nach Krankheitserreger.
  • Immunsuppressiva (die Abwehr hemmende Mittel) bei sehr schwerer Neurodermitis. Zeitlich begrenzt und unter strenger Kontrolle, da sie mit Nebenwirkungen behaftet sind.
  • eine Phototherapie (UV-Bestrahlungen) bzw. Aufenthalte am Meer oder im Hochgebirge.
  • psychologische Maßnahmen wie z.B. das Erlernen von Methoden zur besseren Stress- (z.B. autogenes Training, progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) oder Krankheitsbewältigung (z.B. Psychotherapie).
  • die Teilnahme an Patientenschulungen (z.B. AGNES-Modell = Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung), um Verständnis für die Erkrankung zu entwickeln, Informationen über sie und ihre Therapien zu erhalten sowie den Krankheitsverlauf möglichst selbst kontrollieren zu lernen. Mit dem Ziel, eine bessere Lebensqualität zu erreichen. Ähnliche Zwecke erfüllen Selbsthilfegruppen, denn sie vermitteln das Gefühl, mit der Erkrankung nicht allein zu sein.

Was noch bei Neurodermitis hilft

Wirksame Maßnahmen gegen den Juckreiz sind

  • kühle Umschläge und Duschbäder
  • das Tragen kühlender Kleidung
  • eine kühle feuchte Umgebungstemperatur bzw. Raumluft
  • auf die Haut zu klopfen statt zu kratzen
  • das Tragen von Baumwollhandschuhen nachts bei Kindern
  • kurz gehaltene Fingernägel bei Kindern

Da die meisten Triggerfaktoren im nahen Umfeld lauern, gilt es zudem, folgende Tipps zu beachten:

  • Die Kleidung und auch die Wäsche (Leintücher, Handtücher etc.) sollte möglichst aus Baumwolle bestehen. Oder aus Seide. Sie muss v.a. atmungsaktiv sein. Besonders beim Sport.
  • Das Gewand darf weder zu eng noch zu warm sein. In der kalten Jahreszeit empfiehlt sich die Zwiebelschalen-Methode statt des Tragens einzelner, dicker Kleidungsstücke.
  • Neue Kleidungsstücke sollten vor dem erstmaligen Tragen mit mildem Waschmittel ohne Geruchsstoffe gewaschen (inklusive gründlichem Spülen!) und ihrer Etiketten beraubt werden, damit sie  die Haut nicht irritieren.
  • Günstig für die empfindliche Haut sind spezielle Textilien (Schlafanzug, Unterwäsche) aus besonders hautfreundlichen Materialien, die die Schutzfunktion der Haut unterstützen – etwa silberhaltige und damit antiseptische sowie antientzündliche.
  • Gefütterte Gummihandschuhe schützen die Hände vor dem Kontakt mit aggressiven Putz-, Wasch- oder Spülmitteln.
  • Wohnräume (v.a. das Schlafzimmer) sollten frei von Haustieren, Wollteppichen und Lammfellen, nicht zu warm und immer gut gelüftet sein. Trockene oder beheizte Räumen macht ein Luftbefeuchter erträglich.
  • Bei der Wahl der Spielsachen verzichtet man besser auf Fellkuscheltiere, mit Tierhaaren gefüllte Stofftiere und Puppen mit Kunsthaar, weil sie allergische Reaktionen auslösen können. Kleber, Knetgummi und Filzstifte können die Haut reizen.

Unterstützung aus der Pflanzenmedizin

Ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung können z.B. pflanzliche Mittel eingesetzt werden. Etwa

  • Johanniskraut, das nicht nur stimmungsaufhellende, sondern auch antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt. Sein Wirkstoff Hyperforin hält auf trockener Haut besonders gut gedeihende Staphylokokken im Zaum. Zudem hemmt er die Vermehrung der weißen Blutkörperchen und die Aktivität der Langerhans-Zellen, reguliert somit überschießende Abwehrreaktionen der Körperhülle. Eigenmächtige Behandlungen mit Johanniskrautpräparaten sollten aber besser unterbleiben, denn sie können auch andere Bestandteile der Pflanze enthalten. Beispielsweise Hypericin, das die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöht und phototoxische Reaktionen fördert.
  • Gamma-Linolensäure, die zu den essenziellen Fettsäuren gehört und daher mit der Nahrung (z.B. Raps- und Weizenkeimöl) aufgenommen werden muss. Der menschliche Körper baut sie zu Linolsäure um. Dieser Umwandlungsprozess dürfte bei Neurodermitis-Patienten gestört sein. Basierend auf dieser Annahme werden Präparate erzeugt, die Gamma-Linolensäure aus Borretsch oder Nachtkerzensamen enthalten (Nachtkerzenöl, Borretschsamenöl), doch fehlt es an schlagenden Beweisen für ihre Wirkung.
  • Schwarztee, dessen Gehalt an Gerbsäure für entzündungshemmende Effekte sorgen soll. Umschläge mit Tee, der mindestens zehn Minuten (damit sich die Gerbstoffe lösen) gezogen hat und danach  im Kühlschrank gekühlt wird,  beschleunigen die Abheilung des atopischen Ekzems und lindern den Juckreiz.

Unterstützung aus der Komplementärmedizin

Weitere Optionen bietet die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die unter anderem mit diversen Kräutern (z.B. Stiefmütterchenkraut) und Ernährungsempfehlungen (z.B. Reiskur, lauwarmes bis heißes Wasser als Hauptgetränk) arbeitet, unbedingt aber in die Hände eines Fachmanns bzw. einer Fachfrau (TCM-Mediziner) gehören.

Unterstützend kann man zu Schüßler Salzen oder Homöopathie greifen, nach Rücksprache mit einem darein kundigen Arzt, versteht sich.

Ernährung bei Neurodermitis

Da jeder von Neurodermitis Betroffene unterschiedlich auf den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel reagiert, gibt es keine allgemeingültige “Neurodermitis-Diät“. Denn es gibt keine Lebensmittel, die alle oder kein Neurodermitiker verträgt. So kann etwa der Verzicht auf ein bestimmtes Nahrungsmittel bei dem einen zu einer Besserung des Hautzustandes führen, beim anderen aber zu einer Verschlechterung.

Besteht eine nachgewiesene Allergie gegen ein Nahrungsmittel, ist dieses zu meiden. Vorbeugende allergenarme Diäten, wie sie früher generell zur Vermeidung der Entstehung von atopischen Erkrankungen empfohlen wurden, beurteilt die Wissenschaft aber heute skeptisch. Das Risiko, dadurch Mangelerscheinungen heraufzubeschwören, erwies sich dabei als zu hoch – und das bei fraglichem Nutzen. Am besten sollte nach entsprechender Diagnostik eine Ernährungsberatung durch diätetisches Fachpersonal erfolgen.

Manchmal können in größeren Mengen genossene Erdbeeren, Zitrusfrüchte oder Schokolade einen Krankheitsschub auslösen oder verstärken, ohne dass eine Allergie dagegen nachweisbar ist (pseudoallergische Reaktionen).

Vorsicht geboten ist jedenfalls bei verarbeiteten Produkten bzw. Fertiggerichten, weil sie oft nicht gleich erkennen lassen, ob in ihnen Nahrungsmittel enthalten sind, die man nicht verträgt. Hier ist es wichtig, die Produktinformationen und Nährwertangaben genau durchzulesen. Auch im Hinblick auf Zusatzstoffe (z.B. Konservierungsmittel, Farbstoffe), die im Verdacht stehen, die Symptome einer Neurodermitis verschlechtern zu können. Am besten zieht man frisch zubereitete Kost Fertigprodukten vor. Dann kennt man die Zutaten.

Neurodermitis

Von Neurodermitis Betroffene reagieren unterschiedlich auf bestimmte Nahrungsmittel. Foto: Adobe Stock, (c) Daniel Vincek

Der Neurodermitis vorbeugen – geht das?

In Zukunft vielleicht schon. Denn finnische Forscher haben z.B. entdeckt, dass sich bei familiär vorbelasteten Kindern das Risiko, eine Neurodermitis zu entwickeln, oft deutlich senken lässt. Und zwar indem ihre Mütter im letzten Schwangerschaftsmonat Präparate mit Lactobacillus GG einnehmen. Dieser “Bazillenkur im Mutterleib“ folgte eine halbjährige Gabe dieser Milchsäurebakterien auch an die Kinder. Daraufhin wiesen die Kleinen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe nur halb so oft eine Neurodermitis auf. Das führen die Wissenschaftler auf eine Stärkung des Immunsystems zurück. Ungewiss bleibt, wie lange der Schutz anhält.

Hier findest du die am besten bewerteten Hautärzte in deinem Bundesland:

 



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