Was tun bei Erektionsstörungen ?

Erektionsstörungen

Rein mechanische Stimulanz kann auch bei jungen Männern zu Erektionsproblemen führen. Foto: Adobe Stock, (c) Antonioguillem

Erektionsstörungen sind ein ernstes und schwieriges Thema, manchmal sogar ein Tabu. Aber der HEROLD nimmt sich auch solcher Dinge an. Wir beleuchten verschiedene Aspekte der erektilen Dysfunktion und zeigen auf, was man tun kann, wenn Mann mal nicht kann. Es geht um die Ursachen für Erektionsprobleme, um die geeigneten AnsprechpartnerInnen für dieses Problem, Hilfestellung und Tipps für Mann und Frau.

Offen darüber geredet wird (zu) selten. Dabei ist es fast allen schon passiert – als direkt oder indirekt Betroffene/r. Aber damit sofort entspannt und lösungsorientiert umgehen können die wenigsten. Und ja, dieser Kelch ist auch an mir bis jetzt nicht vorüber gegangen und ich war schlicht und einfach überfordert in dieser Situation. Was das für Frauen bedeuten kann, dazu kommen wir noch!

Ich habe mir jedenfalls Rat und Hilfe bei ExpertInnen gesucht und sie in den Sexualberaterinnen Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig von E.R.O.S. & du gefunden. Vielen Dank an dieser Stelle! (Ich kann ihnen gar nicht genug danken, aber das ist eine andere Geschichte…) Ich konnte den beiden alle meine brennenden Frage stellen – ihre konstruktiven, erhellenden Antworten findest du weiter unten gleich nach dem Video in Anführungsstrichen!

Wann spricht man eigentlich von Erektionsstörungen?

„Erektionsstörungen gehören zusammen mit dem vorzeitiger Samenerguss zu jenen sexuellen Störungen, die bei Männern am häufigsten auftreten. Erektionsstörungen können lebenslang vorhanden sein oder situativ auftreten. Sind diese so geartet, dass der Betroffene kaum oder gar nicht mehr in der Lage ist, eine Erektion zu haben – weder bei Masturbation noch beim Sex, sind sie in den meisten Fällen körperlich oder durch chronische Krankheiten bedingt.

Viel häufiger erleben Männer aber situative Störungen, die von der sexuellen Praxis, den PartnerInnen, aber vor allem vom eigenen Erwartungsdruck abhängen. In der Beratung und Therapie spricht man erst dann von ’sexueller Störung‘, wenn:

  • das Problem über einen längeren Zeitraum besteht (mindestens ein halbes Jahr) und
  • der Mann für sich einen relevanten Leidensdruck formuliert,
  • sowie persönliche Ansprüche an eine befriedigende Sexualität für ihn nicht mehr erfüllt sind.“

Und was ist dann bitte Impotenz? 

„Erektionsstörungen sind sogenannte ‚Erregungsstörungen‘ beim Mann. Der Begriff ‚Impotenz‘ wird in der Fachliteratur nicht verwendet und nur umgangssprachlich gebraucht.“ Okay, also dieses Wort können wir schon mal getrost aus unserem Wortschatz streichen, denke ich.

Was sind die Ursachen von Erektionsstörungen?  Was also tun bei psychisch bedingten Erektionsstörungen?

„Viele Männer definieren ihre Sexualität über ihre sexuelle Funktionalität: Erektion, Ejakulation, Fortpflanzungsfähigkeit. Die Erektion ist sozusagen die ‚Identitätskarte‘ des Mannes. Wenn diese nicht mehr ‚funktioniert‘, dann leidet die sexuelle Selbstsicherheit und die Männer fühlen sich als Versager. Diese Ängste, Selbstzweifel und die daraus resultierende Abwertungen führen die Männer meistens in eine Negativspirale, der sie oft mit noch mehr Stimulation Einhalt gebieten wollen. Bei vielen Männern wird die Sexualität dann lustloser, sie kann zwang- und dranghafte Züge annehmen.

Sinnvoller scheint es für eine Verbesserung der Situation sich aber weniger auf die Leistungsfähigkeit, sondern mehr auf die emotionale Intimität und das sexuelle Vergnügen zu konzentrieren.

Druck und Stress, der zielgerichtet auf eine Erektion ist, sind schlechte Voraussetzungen für eine erfüllte Sexualität. Hilfe und Veränderung bringt das Erlernen von neuen Begegnungsformen in der Beziehung, die vor allem vom Erspüren von emotionalen Zuständen, Sehnsüchten, Bedürfnissen und Leidenschaften geleitet ist. Wesentliche Voraussetzung dafür ist, seinen Körper gut zu kennen. Der ganze Körper und nicht nur der Genitalbereich/Penis sind Lustzonen. Männer können lernen, diese sinnlich und erregend zu erleben und somit die Möglichkeit einer erotischen Begegnung zu erweitern. Viele Menschen und somit auch Männer haben Bilder im Kopf, wie Sex sein soll. Wenige haben den Mut sich selbst ernst zu nehmen und aus dem ‚Performancedruck‘ auszusteigen. Guter Sex beruht auch darauf, dass man darüber spricht; er beruht auch darauf, dass man sein Begehren und erregenden Momente beschreiben kann, und der Partnerin mitteilt.“

Oh, dieser letzte Satz ist wirklich wunderbar. Man(n) muss mehr über Sex reden, ich sag’s nur!
Und dass Stress ein unheimlich mächtiger Lustkiller ist, dass gilt auch für Frauen übrigens.

Erektionsstörungen

Erektionsstörungen können lebenslang vorhanden sein oder situativ auftreten. Foto: Adobe Stock, (c) Antonioguillem

Ab wann, ab welchem Alter bekommen Männer Erektionsstörungen?

„Erektionsstörungen können bei Männern in jedem Alter auftreten. Dass sie mit dem Alter zunehmen, ist unbestritten. Es fühlen sich aber bei weitem nicht alle Betroffenen dadurch gestört. Für den alternden Mann ist zentral, dass er lernt, mit wechselnden Erektionsstärken beim Geschlechtsverkehr zu spielen, ohne dass vorübergehende Abfälle Versagensangst auslösen.“ Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber unterm Strich klingt das für mich wie eine gute Nachricht.

Wann sollte man einen Facharzt kontaktieren?

„Altersbedingte körperliche Erkrankungen (z. b. Bluthochdruck, Diabetes, chronische Schmerzen oder postoperative Folgeerkrankungen) müssen selbstverständlich umgehend ärztlich abgeklärt und behandelt werden. Neben dieser medizinischen Unterstützung können sexualberaterische Gespräche helfen, die Sexualität gut in den neuen Lebensabschnitt zu integrieren. So kann Lust und Erregung durch die Auseinandersetzung mit einschränkenden Umständen und Krankheiten erhalten und genussvoll bleiben.“

 

Erektionsstörungen gibt es also auch bei jungen Männern?

„Ja, auch bei jungen Männern können Erektionsstörungen auftreten. In den wenigsten Fällen haben diese körperliche Ursachen. Vielmehr liegen die Gründe in übernommenen Vorstellungen von  Sex und sehr oft in eingeschränkten Erfahrungen, welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt, um in Erregung zu kommen.

Viele Männer haben sich angewöhnt zielgerichtet auf die Ejakulation hinzuarbeiten, denn nur diese wird als entspannend und befriedigend erlebt. Die Fokussierung auf den Penis begrenzt die Wahrnehmungen, dass Lust und Erregung auch in vielen anderen Körperteilen gespürt werden kann. Viele Männer fassen ihren Penis (oder lassen ihn anfassen) ausschließlich hart und fest an, das vermindert in Laufe der Zeit die Sensorik, die Empfindsamkeit und die Fähigkeit zu spüren. Erektion ist aber ein reflektorisch ablaufendes Geschehen. Sie lässt sich nicht direkt und willentlich auslösen, sondern benötigt breitgefächerte Stimulanzen. Rein mechanische Stimulanz kann somit auch bei jungen Männern zu Erektionsproblemen führen.
Die Schlussfolgerung: 
Wesentlich ist es daher für Männer bereits in jungen Jahren zu lernen, das Lustempfinden über den gesamten Körper zu verteilen und Gefühle, Fantasien und die sexuelle Neugierde an ihren Partnerinnen zuzulassen.“
Also die Vorstellung „das Lustempfinden über den gesamten Körper zu verteilen“ in die Tat umzusetzten, kann man(n) nur erstrebenswert finden, oder?

Erektionsstörungen

Foto: Adobe Stock, (c) Monkey Business

Was kann Frau bei Erektionsstörungen tun?

Also ich persönlich kann euch sagen, was man als Frau auf gar keinen Fall machen sollte, wenn der Mann „nicht kann“. Wenn man die Beziehung nicht sofort beenden oder zumindest beschädigen will, empfiehlt es sich folgendes zu unterlassen:

  • Es persönlich nehmen.
    „Er steht nicht auf mich, deswegen steht er ihm nicht“, (oder so ähnlich) ist ein wirklich kontraproduktiver Gedankengang.
  • Lachen.
    Humor hilft in vielen schwierigen Situationen im Leben, aber das Lachen im Rahmen von seinen Erektiosstörungen kann sehr leicht als Auslachen verstanden werden.
  • Total verständnisvoll sein.
    Das nervt ihn möglicherweise. Dies ist nicht die Situation, in der der Mann bemitleidet werden will. Das knabbert noch zusätzlich an seiner Männlichkeit. Und seine Krankenschwesterphantasien haben ganz sicher ganz andere Inhalte!

Ich frage mal lieber wieder Barbara Zuschnig und Beatrix Roidinger von E.R.O.S. & du!

Was wirklich tun als Frau bei Erektionsstörungen?

„Partnerinnen können Männer in vielfältiger Weise unterstützen. Das Wichtigste dabei ist, dass sie die Bereitschaft und auch die Fähigkeit haben, über das Problem offen zu reden. Scham und Schweigen verstärken in der Regel Probleme und machen sie zu (scheinbar) unüberwindbaren Hindernissen.

Hier hilft es sehr, wenn Frauen ohne Schuldzuweisungen und gemeinsam mit dem Partner an einer Verbesserung arbeiten. In vielen Fällen lohnt es sich, Unterstützung von außen durch Beratung zu holen. Auch körperorientierte Veränderungen sind hilfreich. Es gibt einige sehr effiziente und achtsame Ideen und Konzepte, die zu mehr sexuellem Bewusstsein, einem authentische Ausdruck der eigenen Sexualität und erhöhtem erotischen Potential führen. Dies sind unter anderem Tantra Angebote oder sexualitätsfokussierte Körperarbeit. Die Partner lernen einander dabei wieder auf eine neue Weise kennen. Sie haben einen geschützten Rahmen, in dem sie Neues erproben können, und erhalten dadurch die Möglichkeit gemeinsam Störungen und Irritationen in der sexuellen Begegnung zu bearbeiten.“

Erektionsstörungen

Für Männer ist zentral mit wechselnden Erektionsstärken beim Geschlechtsverkehr zu spielen. Foto: Adobe Stock, (c) Syda Productions

Wann ist es normal, dass Erektionsstörungen auftreten?

„Es ist wesentlich zwischen sexuellen Problemen und sexuellen Störungen (Auftreten des Problems über einen längeren Zeitraum: mindestens ein halbes Jahr, unabhängig von den äußeren Umständen und hoher individueller Leidensdruck ) zu unterscheiden.

Wenn Lebensumstände anstrengend oder krisenhaft sind, ist es normal, dass sexuelles Verlangen oder auch die Erektionsfähigkeit zurückgehen können. Verständlicherweise kann auch diese Situation Unsicherheit erzeugen. Hier hilft oft ein klärendes Gespräch in der Beratung oder bei einem Facharzt. Auf jeden Fall soll man darüber reden und Rat suchen, damit der Zustand sich nicht verfestigt und chronifiziert.“

In diesem Sinne: Redet miteinander und liebt euch!



Informationen zum Datenschutz einschließlich Cookie Richtlinie